Von León bis nach Astorga

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Von León bis nach Astorga

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Buen Camino!

Auszug aus dem Buch

Aufbruch nach Santiago - Band IV - Camino Francés

Von León bis nach Astorga

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

Die alte Römerstadt León liegt in einem fruchtbaren Tal am Rio Bernesga und Rio Torio. Im 1. Jahrhundert n. Chr. war hier die römische Legion „Legio VII Gemina“ stationiert, deren Legionslager sich mitten in der heutigen Altstadt befand. Vermutlich ist der Name der Stadt auf diese Legion zurückzuführen. Von der einst spätantiken Stadtbefestigung sind bis heute noch in der Nähe der Kathedrale und der Basilika San Isidoro Reste vorhanden.

 

Die heutige Hauptstadt der gleichnamigen Provinz war früher im 10./12. Jahrhundert auch Hauptstadt eines Königsreiches, es erstreckte sich bis zum Atlantik im Norden und Westen des Landes. Natürlich fällt den Besuchern und Pilgern sofort die eindrucksvolle Kathedrale von León auf. Dieses spätgotische Bauwerk aus dem 13./14. Jahrhundert ist ein besonderer Höhepunkt am Jakobsweg. Nach einer kurzen Etappe fand ich in der Jugendherberge ein Quartier und konnte anschließend die Stadt besichtigen. Neben den drei Hauptattraktionen, die Kathedrale, die Basilika San Isidoro und das ehemalige Kloster San Marcos, besuchte ich noch einige schöne Plätze und Sehenswürdigkeiten.

 

Plaza Santo Domingo, León

Casa de los Botines und Palacio de los Guzmanes, León

 

Die frühgotische Kathedrale Santa María de Regla (13. Jh.) besticht durch eine schöne Dreiportalanlage und eine schöne Fassade, sie erinnert an die Bauweise französischer Architektur, wie die Kathedrale von Reims. Die Kathedrale, die auch zu Recht „Pulchra Leonina“, die schöne von León, genannt wird, ist ein Meisterwerk vergangener Zeiten. Reich an Kostbarkeiten und Schätzen im Inneren der Kirche, faszinieren auch die Steinmetzarbeiten im farbigen Licht.

 

Auch die romanische Basilika San Isidoro aus dem 11./12. Jahrhundert ist besonders hervorzuheben. Hier liegen die Reliquien des Sevillaner Bischofs San Isidoro. Die Gebeine des großen Gelehrten der Westgoten wurden 1063 nach León überführt. Die Portale der Basilika sind reich verziert mit Skulpturen, sie geben in Bildern die biblische Geschichte wieder.

 

Bronze-Medaillon "Santiago"

Das Monasterio de San Marcos, heute ein Parador Nacional (staatliches Nobelhotel), ist ein Muss für Pilger. Die 100 m lange prunkvolle Renaissancefassade führt an der ehemaligen Klosteranlage vorbei. Es war auch der Sitz des mächtigen Santiago-Ordens und zeitweise ein Gefängnis. 1639 verbüßte der berühmte spanische Dichter der Weltliteratur, Francisco de Quevedo, hier eine 4-jährige Gefängnisstrafe (1639-43). Der Satiriker wusste nicht den Grund seiner strengen Inhaftierung. Zwei Jahre nach seiner Entlassung verstarb er am 8. September 1645 im dominikanischen Kloster von Villanueva de los Infantes.

 

Weitere Sehenswürdigkeiten: das von Antoni Gaudí entworfene Casa de los Botines, ein Prachtgebäude mit Türmen und reich verzierter Fassade. Auch die Plaza Mayor mit ihrem barocken Rathaus ist ein besonderer Treffpunkt für Jung und Alt. Oder die Plaza Santo Domingo in der Innenstadt von León, mit schönem Brunnen ausgestattet, ist es ein angenehmer Ort zum Verweilen.

 

Gebäude von Antoni Gaudí

Convento de San Marcos in León

 

In einer der vielen Bars ruhte ich mich nach den Besichtigungen von den vielen Strapazen der letzten Tage aus. Die Stadt León war für mich, nachdem ich die unendlichen Weiten der Meseta hinter mir hatte, eine angenehme und abwechslungsreiche Stadt. Hier traf ich einige Pilgerfreunde wieder, die ich schon tagelang nicht gesehen hatte. So auch Édouard, ein Künstler aus Paris. Auf seiner Pilgerschaft auf dem Camino Francés hatte er immer genügend Farben und Pinsel sowie große Papierbögen dabei. Er machte Jagd auf Gullideckel - Sie lesen richtig! Tagsüber sucht er nach ihnen, sobald er Motive findet, die mit dem Jakobsweg zu tun haben wie z.B. Jakobsmuscheln, findet am späten Abend die künstlerische Aktion statt. Er bemalte die Oberflächenstruktur und nahm im Anschluss mit Papier einen Stempelabdruck des Gullideckels. Das Kunstwerk wurde schnell fertig, dann befestigt er die riesigen Bögen nur noch am Rucksack und lässt sie lufttrocknen. Édouard sah ich noch oft auf dem Jakobsweg, mit seinem Cowboyhut und seinen Kunstwerken auf dem Rücken war er schon von Weitem zu erkennen.

 

Am späten Abend ging ich zurück zur Jugendherberge, die rund um die Uhr geöffnet ist. Bis weit nach Mitternacht hörte man Pilger und Pilgerinnen, die ihre neu gewonnene Übernachtungsfreiheit voll auskosteten. Mich störte das nicht, ich hatte Verständnis und konnte auch gut einschlafen. Am nächsten Morgen verlassen Pilgerscharen León, mir kommt es so vor, als würde die Anzahl der Pilger, um so näher man nach Santiago kommt, zunehmen. Alleine ist man nicht mehr, zumindest im Stadtgebiet von León. Ich vertraute mich einer Pilgergruppe an, die singend voranmarschierte.

 

Die gelben Pfeile nahm ich nur noch am Rande wahr, und so ließ ich mich aus der Stadt führen. Nach zwei Stunden erreichte ich über Trobajo del Camino mit seiner Jakobuskapelle die Ortschaft Vigen del Camino (906 m), hier befindet sich eine Wallfahrtskapelle, die der „Jungfrau vom Weg“ geweiht ist. Nach der Ortschaft nehme ich die kürzere Variante nach Hospital de Órbigo, sie verläuft über 20 km parallel zur N 120 (Carretera). Auf Schotterpisten geht es zwar weniger schön neben der Nationalstraße, doch liegen ein paar Dörfer mehr am Weg. So konnte ich öfters einkehren, um meine Wasserflaschen zu füllen. Die Alternativroute führt über Villar de Mazarife und ist wahrscheinlich schöner, aber jedoch länger.

 

Zügig ging es voran, die meiste Zeit an gemähten Kornfeldern vorbei, wie erwähnt durchquerte ich einige kleine Ortschaften. Darunter Valverde de la Virgen, San Miguel de Camino, Villadangos del Páramo und San Martín del Camino. Kurz vor der historischen Ortschaft Hospital de Órbigo suchte ich mir, wieder mal mit Zelt, einen geeigneten Schlafplatz. Ausgerüstet mit einer Flasche Rotwein verbrachte ich alleine eine ruhige Nacht. Früh am Morgen ging es über die Hochebene (Paramo Leonés) weiter nach Hospital de Órbigo.

 

Hospital de Órbigo

Puente de Órbigo

 

Mit dem Erreichen des Rio Órbigo stehe ich plötzlich vor der berühmten Brücke. Die aus dem 13. Jahrhundert stammende „Puente de Órbigo“ ist die längste Brücke am Jakobsweg. Hier erzählt man sich die heldenhafte Legende vom tapferen Ritter Suero de Quiñones, er forderte im Jahr 1434 jeden pilgernden Ritter, der die Brücke überquerte, zum Zweikampf mit Lanze (Paso Honoroso) auf. Vorangegangen war ein Schwur an den König, dass er sich an jedem Donnerstag aus verschmähter Liebe einer Edeldame eine Halsfessel anlegt. Jedoch wollte er sich von der Last befreien, so bot er dem König an, im heiligen Jakobusjahr, wenn der 25. Juli auf einem Sonntag fällt, ein ritterliches Turnier zu veranstalten. Der König willigte ein, sollte er die Lanzenkämpfe gewinnen, konnte er sich von den Fesseln der Liebe befreien. Eifrig und mutig stellte er sich mit seinen Mannen auf die Brücke. 15 Tage vor dem Jakobustag und 15 Tage danach waren viele Edelritter unterwegs, die nach Santiago wollten, sie ließen sich auf die Zweikämpfe ein. Doch alle mutigen Ritter verloren ihre Kämpfe, Don Suero ging als Held hervor und konnte seine Halsfessel ablegen. Diese schmückt heute in der Kathedrale von Santiago, in der Reliquienkapelle, eine Büste des Jakobus des Jüngeren.

 

Über die Brücke gelangte ich nun nach Hospital de Órbigo, hier stand im 12. Jahrhundert ein Pilgerhospiz des Johanniterordens. Sehenswert auch die Kirche San Juan, Bars und Cafés laden zum Verweilen ein. Nach einer ausgiebigen Rast ging es weiter durchs Dorf. Ich folgte den Markierungen, wieder gibt es zwei Möglichkeiten, die neben der N-120 oder den landschaftlich reizvollen Weg über Felder und Pfade, die einen über die Hochebene bis nach Astorga führt.

 

Wegkreuz vor Astorga

Blick auf Astorga

 

Nach dem gestrigen Tag neben der Nationalstraße nehme ich nun die schönere Variante über die Hochflächen des Paramo-Plateaus. Es sind kleinere Pässe, die man hinter sich bringen muss, die Vegetation ist anders wie noch zuvor in der Meseta. Jetzt lösen sich Felder und Wald miteinander ab, auch sonst wird es immer grüner. Auf den Höhen lassen sich in der Ferne die Ausläufer des Kantabrischen Gebirges, die Montes de León, ausmachen. Am steinernen Wegkreuz Santo Toribio (Crucero de San Toribio) hat man dann eine wunderbare Aussicht über das Tal Tuerto und auf Astorga. Doch zuvor wird noch San Justo de la Vega durchquert. Nachdem man den Rio Tuerto überquert hat, erreicht man wenig später die auf einer Anhöhe liegende Ortschaft Astorga (899 m).

 

Kathedrale Santa Maria, Astorga

Barocke Fassade der Kathedrale

 

Durch das Tor Puerta del Sol erreichen die Jakobspilger die historische Altstadt. Asturica Augusto, wie sie noch von den Römern genannt wurde, ist von je her ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Schon unter Kaiser Augustus, der die Siedlung gründete, wurde hier das Gold aus den umliegenden Bergen (Teleno-Gebirge) und aus den Goldminen von Las Médulas verarbeitet und verteilt. Über die Via de la Plata gelangte das kostbare Gestein schließlich nach Sevilla. Auch der königliche Weideweg (Cañadas Reales) führt durch Astorga.

 

Palacio Episcopal

Bischofspalast von Antoni Gaudí

 

Das Herzstück dieser faszinierenden Stadt ist die Kathedrale Santa Maria, sie ist im 15.-17. Jahrhundert erbaut worden und besitzt aus verschiedenen Epochen eine architektonische Meisterleistung der Gotik, der Renaissance und des Barocks. Besonders schön ihre verzierten Portale, im Inneren der Kirche schmückt ein prächtiger Hauptaltar und kunstvoll geschnitztes Chorgestühl das Gotteshaus. Nicht weit entfernt fällt einem sofort der Bischofspalast auf, auch hier war Antonio Gaudi am Werk. Im Inneren des Bischofspalasts befindet sich das Museum der Wege (Museo de los Caminos). Auch das barocke Rathaus aus dem 17. Jahrhundert ist ein Palast, es befindet sich an der lebhaften Plaza de España. Besonders schön anzusehen die Rathausuhr mit zwei Figuren in der Tracht der Maragatos. Über die Herkunft der Maragatos streiten sich die Gelehrten, war es ein Berberstamm oder ein vermischtes Volk von Mauren und Goten oder der Händler (Fuhrleute) aus dieser Zeit. Doch eins ist sicher: mit ihrer schönen Tracht, bestehend aus einem breiten Hut, Weste und Plumphose, eine echte Augenweide.

 

Plaza de España mit Rathaus

Figuren in der Tracht der Maragatos

 

In der Pilgerherberge „Albergue Siervas de Maria“, die von den Amigos del Camino de Santiago de Astorga geführt wird, fand ich eine Unterkunft. Sie befindet sich an der Plaza San Francisco in einem Gebäude eines ehemaligen Klosters. Gegen Mittag erreichte ich Astorga und konnte somit ausgiebig bummeln und mir einige der Sehenswürdigkeiten anschauen. Zeit zum Verschnaufen hatte ich auch und obendrein kaufte ich mir für den nächsten Tag frischen Proviant ein. Denn es geht nun durch die Region Maragateria und über die Pässe der Montes de León.

 

Bernd Koldewey: "Aufbruch nach Santiago" - Camino Francés (Band IV), von Saint-Jean-Pied-de-Port bis nach Santiago de Compostela, Taschenbuch, Verlag: Books on Demand, Norderstedt, 2. Auflage, Mai 2012, 212 S., 26,90 € - Dieses Buch ist mit zahlreichen Farbabbildungen ausgestattet. ISBN 978-3-8423-6521-6 - Dieses Buch kann ab sofort über den Buchhandel oder über das Internet, beispielsweise bei Amazon.de bestellt werden.

 

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