Das Bewusstsein auf und nach dem Jakobsweg

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Das Bewusstsein auf und nach dem Jakobsweg

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Buen Camino!

Gedanken eines Pilgers:

Das Bewusstsein auf und nach dem Jakobsweg

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

Ein Jakobspilger, der schon einige tausend Kilometer zu Fuß durch Europa gewandert ist, kann sicherlich über sein Bewusstsein, den Geist seiner Pilgerschaft, einiges erzählen. Dabei spielen die vielen erlebten Gegensätze eine erhebliche Rolle. Mit Leib und Seele spürt er, wie es in ihm brodelt und kocht, es fühlt sich an wie ein Tanz auf einem Vulkan.

 

Es sind nicht nur die Gegensätze, die mich beschäftigen und als Pilger zu diesem Artikel veranlassen. Vielmehr ist es für mich auch die Auseinandersetzung mit meiner Pilgerschaft und den Wirren des Alltags. Mit gemischten Gefühlen, wie ein zweites Gesicht, sehe und betrachte ich gewisse Dinge, mal im positiven wie im negativen Sinn. Es sind für mich grenzüberschreitende Empfindungen, die mit der heutigen Gesellschaftsform, der Macht und Gier nach immer mehr sowie der zunehmend materiell denkenden Welt nicht konform sind. Die Intoleranz und der Egoismus vieler Menschen sind für mich gewissermaßen unerträglich geworden und beängstigen mich sehr.

 

Ist es meine Pilgerschaft nach Santiago de Compostela gewesen, die aus mir einen anderen Menschen machte, der im Laufe der Zeit extrem empfindlich und nachdenklich geworden ist? An liebsten würde ich mich wie ein Einsiedler (Eremit) zurückziehen, um mich vor der schnelllebigen Zeit und der nur noch nach Leistung und Gewinn strebenden Gesellschaft zu schützen. Doch das ist nicht ganz so einfach, sich dem Alltag und der heutigen Zivilisation zu entziehen. In den Ballungsgebieten der Städte und in den Medien begegnet man der „Modernen Welt“ täglich. Man ist auch verpflichtet. So gibt es Menschen in der Familie, die einen brauchen und die auf einen zählen. Für sie da zu sein, treu und verlässlich zu sein, um sie nicht zu enttäuschen. Das ist nur ein Beispiel des täglichen Lebens. So einfach mal abzutauchen, um sich von der Zivilisation zu erholen, geht in vielen Fällen nicht so einfach.

 

Doch was macht ein Pilger mit seinen neu gewonnenen Idealen und den neuen Kenntnissen von Schöpfung, Natur und Freiheit, die er auch gerne als guter Christ ausleben möchte? Bin ich der einzige Jakobspilger, der nach seinen vielen Erfahrungen seiner Wanderschaft einen Wandel spürt? Ich glaube nicht. Doch wo sind sie, die geläuterten Jakobpilger, was schreiben sie darüber? Wie ergeht es ihnen im Alltag? Kommen sie zurecht, in einer Welt, wo die Erfolge mehr zählen als Menschlichkeit.

 

 

Wo viel Freude ist, ist auch viel Leid! Das Schreiben darüber ist bestimmt kein einfacher Weg, doch das war der Jakobsweg ja auch nicht. Immer wieder entdecke ich, wie mir mein Unterbewusstsein etwas mitteilt. Schweißgebadet wird man von Träumen und Gedanken geweckt, die einen im Nachhinein noch beschäftigen. Wie ein Déjà-vu, doch ohne Täuschung, bedient sich das Unterbewusstsein der vielen Bilder, die es abgespeichert hat und die ich ja bewusst geliefert hatte. Vermutlich ausgelöst und wieder hervorgebracht durch die Wirren des täglichen Alltags, der nicht mehr zu meiner heutigen Einstellung zum Leben passt.

 

Es sind zwei Welten, die da aufeinander treffen. Die eine, die für mich negative, radikale und reale Welt der Zivilisation, wo es Menschen gibt, die nicht mehr miteinander kommunizieren können. Sich nur noch für sich interessieren und wo das „Miteinander“ nur noch als Fremdwort existiert. Und mein neues Weltbild, ausgelöst durch meine Pilgerschaft, dass durchaus auch real ist und parallel verläuft. In dieser für mich positiven Welt beschäftige ich mich mit vielen Themen des Alltags und des täglichen Lebens. Unter anderem, wie kann ich mich bewusst, ehrlich und aufrichtig meinen Mitmenschen gegenüber verhalten, ohne mit dem gleichen Verhaltensmuster, der Intoleranz und dem Egoismus zu agieren und ohne jemandem zu nahe treten zu wollen. Meine neue errungene Bewusstwerdung, die Freiheit im Geiste, ist für manche beängstigend. Damit möchte ich nicht überheblich werden, so schweige ich des Öfteren und teile mich nur denen mit, die sich für meine Pilgerschaft, den Jakobsweg und meine vielen Erkenntnisse interessieren.

 

Jakobspilger untereinander haben da, wo kein Konkurrenz- und Wettbewerbskampf herrscht, keine Schwierigkeiten sich auszutauschen und mitzuteilen. Sie sind gewissermaßen Gleichgesinnte, Brüder und Schwestern, die die gleichen oder ähnlichen Erfahrungen gemacht haben. Für viele von ihnen ist das Pilgern zur Leidenschaft geworden, dieser Prozess lässt sie nicht mehr los.

 

Um das zu verstehen, sollte man einmal im Leben zu Fuß auf eine Pilgerfahrt (Wallfahrt) gehen, es ist eine Bereicherung für das eigene Leben. Der Jakobsweg bietet hier eine Vielfalt an Möglichkeiten, einmal abzutauchen, zu entschleunigen und sich mit der Schöpfung, Natur und der Freiheit auseinander zu setzen, es ist bestimmt ein guter Weg, um sich selbst neu zu entdecken, um sich schließlich selbst zu finden.

 

Buen Camino!

 

Herne, September 2013

 

 

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