Spurensuche am Oberen Mittelrhein
Bingen - Stadt der Heiligen und Pilger
von Bernd Koldewey (Bild/Text)
Gemeinsam fuhren wir am 4. Dezember 2008 ins Obere Mittelrheintal. Wir, das sind Dr. Rüdiger Schneider und ich. Beide gingen wir auf Spurensuche. Das Ziel: die Kapelle St. Rochus in Bingen.
Mit dem Zug sind wir über Bonn angereist und wollten in Bacharach unsere kleine Exkursion beginnen. Bei strömenden Regen war unsere geplante Wanderung über die Höhen der Rheinberge mit ihren Burgen nicht möglich. Also beschlossen wir, ein paar Kilometer am Rheinufer entlang zu laufen.

„Alte Haus“ am Marktplatz Weinhaus „Kurpfälzische Münze“
Doch zuvor besuchten wir das durch seinen hervorragenden Weinbau bekannte Bacharach. Die kleine historische Stadt am Oberen Mittelrhein bietet Rheinromantik pur. Der mittelalterliche Stadtkern mit alten malerischen Fachwerkhäusern, wie z.B. das „Alte Haus“ am Marktplatz und das historische Weinhaus „Kurpfälzische Münze“. Hier wurden 1356 im Auftrag des Kurfürsten und Pfalzgrafen Ruprecht I die ersten Bacharacher Goldgulden geprägt. Oder das Haus Utsch aus dem Jahr 1585, einst bewohnt von Friedrich Wilhelm Utsch, dem „Jäger aus Kurpfalz“.
Etwas bergauf ging es zum Steeger Tor, einem Teil der gut erhaltenen Stadtbefestigung. Mit zahlreichen Türmen und der Ringmauer umfasst es den alten Stadtkern. Wir gingen hindurch und erreichten etwas oberhalb den Liebesturm. Hier trug sich nach einer rankenden Legende eine tragische Geschichte zu. Der junge Prinz Albert von der Burg Stahleck verliebte sich in die bürgerliche Winzertochter Mathilde. Die Liebe war nicht erlaubt und so trafen sie sich heimlich in den dunklen Nächten im Turm. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit dem Liebespaar. Sie wurden verraten und ein Soldat ging hinauf, um sie festzunehmen. Um der Trennung und der Schmach zu entgehen, sprangen alle beide von den Zinnen hinab in den Tod. Seit dieser Zeit wird er nur „Liebesturm“ genannt. Rüdiger Schneider war übrigens nicht das erste Mal in Bacharach. Der Ort und insbesondere der ‘Liebesturm’ waren Kulisse für einige Kapitel aus seinem Roman ‘Loreley’ (Leipzig 2003).

„Liebesturm“ „Steeger Tor"
Von hier oben hatten wir eine lohnende Aussicht über das Rheintal. Der Blick fiel sofort zur Ruine der gotischen Wernerkapelle, dem Wahrzeichen der Stadt Bacharach. Wie ein gigantischer Tempel thront sie auf dem gegenüberliegenden Hügel. Mitten in der Stadt die evangelische Peterskirche aus dem 11. Jahrhundert. An den Rebstöcken vorbei ging es zurück zur Altstadt.
Wir verließen Bacharach den Rhein entlang und gingen zu Fuß bis Niederheimbach. Doch der Regen nahm kräftig zu, so dass wir mit dem Zug nach Bingen fuhren. Als wir Bingen am Rhein erreichten, war es bereits dunkel geworden und wir suchten unser Hotel auf, es lag in der Vorstadt am Rhein. Nach dem Trocknen unserer Sachen ging es noch zum Weihnachtsmarkt in der Altstadt. Bei einer Tasse Glühwein läuteten wir den Abend ein, den wir später dann im gastfreundlichen Binger ‘Vorstadt-Stübchen’ in netter Gesellschaft mit einem Gläschen ‘Rochuswein’ ausklingen ließen.
Am nächsten Tag begannen wir unser eigentliches Ziel anzugehen, denn wir waren nicht zufällig nach Bingen gekommen, sondern wollten sozusagen auch auf Goethes Spuren die Stadt und insbesondere die Rochuskapelle besuchen.
Goethe durchreiste einst mit Freunden das Rheinland und hörte vom Sankt-Rochus-Fest. So nahm er am 16. August 1814 in Bingen am Fest zu Ehren des Hl. Rochus teil.
Anfang 1816 stiftete er ein Altarbild des „Heiligen Rochus", das die Malerin Louise Seidler in seinem Auftrag gemalt hatte.

Altarbild des „Heiligen Rochus" Skulptur des „Heiligen Rochus"
Louise Seidler wurde in Jena am 15. Mai 1786 als Tochter des Universitätsstallmeisters Seidler geboren. Früh hatte sie Kontakt zur geistigen Elite ihrer Zeit. Sie hatte nicht nur Zugang zu Persönlichkeiten wie Schiller, Fichte, Schelling, Hegel, um nur einige der bekannten Größen zu nennen. Nein, auch Goethe interessierte sich sehr für sie, er war mit ihrer begnadeten Malkunst höchst zufrieden.
Unserem festen Termin in der Wallfahrtskirche „St. Rochus-Kapelle“ auf dem Rochusberg eilten wir mit Freude entgegen. Ein kleiner Aufstieg führte uns über einen Pilgerweg aus der Stadt hinaus. Markiert wird der Pfad durch einen Stein mit Muschelsymbol, dem Zeichen für Jakobspilger. Auch Bildstöcke mit vielen Heiligen stehen schützend am Wegesrand.
Als wir das Hildegard-Forum der Kreuzschwestern erreichten, kamen wir zur Wallfahrtskirche. Hier erwartete uns eine Ordensschwester, die uns durch die St. Rochus-Kapelle führte. Wir standen vor dem historischen Kunstwerk der Malerin Louise Seidler und waren begeistert. Das Bild zeigt in pastellenen, freundlichen und für das Auge warmen Farben den Hl. Rochus als Pilger. Er zieht hinaus aus seiner südfranzösischen Heimatstadt Montpellier nach Rom. Sein Hab und Gut lässt er zurück – symbolisch im Bild festgehalten durch die Münzen, die aus einem Säckchen fallen. Rechts und links zwei spielende Kinder, sie können auch als Engel gesehen werden, die Rochus auf seiner langen Pilgerung schützend begleiten. So auch ein Hund zur Rechten, der ihn während seiner todbringenden Krankheit mit frischem Brot versorgt haben soll.

Wallfahrtskirche „St. Rochus-Kapelle“ Das Hildegard-Forum