Navarra - Das Tor zum Jakobsweg

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Buen Camino!

Auszug aus dem Buch

Aufbruch nach Santiago - Band IV - Camino Francés

„Navarra - Das Tor zum Jakobsweg“

Von St-Jean-Pied-de-Port bis nach Roncesvalles

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

Endlich nach einer langen Zeit, die ich durch Frankreich gepilgert bin, erreichte ich am 25. August 2008 die Pilgerstation Saint-Jean-Pied-de-Port, Ausgangspunkt des Camino Francés. Vorbei an einer riesigen Befestigungsanlage (Zitadelle) ging es durch das Tor der alten Stadtmauer. Ich erreichte die letzte große Station vor der Pyrenäenüberquerung nach Spanien.

 

Nach über 2000 Kilometer zu Fuß von Deutschland aus sollte ich begeistert sein, doch meine Freude hielt sich in Grenzen. Völlig erschöpft war mein erster Eindruck nicht so toll, zu viele Menschen, dazu der touristische Einfluss, der mich fast umhaute. Völlig orientierungslos irrte ich zunächst in dem malerischen Örtchen herum. Überall kleine Gassen mit Souvenirgeschäften, die die typischen Produkte des hl. Jakobus, dem Schutzheiligen der Pilger anboten. Aber so erging es mir immer, sobald ich einen Touristenort oder eine Großstadt erreichte, wurde ich von den Massen des Tourismus überwältigt.

 

Brücke über die Nive de Béhérobie

Saint-Jean-Pied-de-Port

 

Denn als Jakobspilger, der fast jeden Tag im Zelt übernachtete und die Freiheit, die Stille und die Einsamkeit der Natur genoss, war ich solchen Anforderungen von Menschenansammlungen nicht mehr gewachsen. Die ganze Hektik und die vielen Stimmen der Leute und der Autolärm waren für mich nichts. Hier musste man aufpassen, dass man nicht angestoßen wird oder im schlechtesten Fall von Autos überrollt wird. Man kommt sich vor wie ein Schulkind, das mit Schülerlotsen über die Straßen geführt werden muss.

 

Zum Glück sah ich meine Pilgerfreunde wieder, die ich unterwegs kennengelernt hatte. Sie zeigten mir das Pilgerbüro, dort bekam ich meinen Stempel und die Adresse einer Herberge. Nach einer schnellen Einquartierung und einer heißen Dusche hatte sich mein erster Eindruck gelegt und ich bin am traditionellen Ausgangspunkt des Camino Francés angekommen. Hier in Saint-Jean-Pied-de-Port, das Baskische Donibane Garazi, werde ich am nächsten Tag die Pyrenäen überqueren. Nachdem sich mein erster Eindruck gelegt hatte und die vielen Menschen mir nichts mehr ausmachten, schlenderte ich doch mehr oder weniger gemütlich durch die bezaubernde Altstadt. Die Hauptstraße „Rue de la Citadelle“, eine mit Blumen geschmückte Gasse, führte mich hinunter zur Kirche Notre-Dame und zum Fluss Nive de Béhérobie. Nach der Besichtigung der schönen Altstadt trank ich mit Freunden noch ein Gläschen Wein und ging zeitig schlafen, um für die morgige Etappe ausgeruht zu sein.

 

Pyrenäenüberquerung

Pyrenäenüberquerung

 

Am nächsten Tag führte mich der Weg durch das Porte d'Espagne (Spanientor) aus der Stadt hinaus und auf der Passstraße ziemlich steil hinauf nach Huntto/Honto. Es waren viele Pilger unterwegs, ob in Gruppen oder Einzelpersonen, ihr Ziel war Pamplona, Burgos, Leon oder Santiago. Nun war es auch für mich so weit, nach langer Zeit durch Frankreich lag nun Spanien zum Greifen nahe, ich musste nur noch die Pyrenäen überqueren. So viele Berge hatte ich schon überwunden, da können mir die Pyrenäen doch nichts mehr anhaben. Ich nahm mir Zeit und ließ einige schnelle Pilger an mir vorbei ziehen. Sie hatten so ihre Mühe, schnaufend und mit verzerrten Gesichtern schleppten sie sich über den Pyrenäenübergang.

 

Viele von ihnen sind in Saint-Jean-Pied-de-Port gestartet, mit ihren modernen Teleskopstöcken und neuen Wanderschuhen rauschten sie an mir vorbei. Nach eineinhalb Stunden beschwerlich bergauf erreichte ich das Hotel „Auberge d'Orisson“, früher stand hier an gleicher Stelle ein Pilgerhospiz. Hier legte ich eine Kaffeepause ein und verschnaufte ein wenig. Mit fantastischer Aussicht auf die Bergwelt der Pyrenäen genoss ich die wunderbare Atmosphäre. Einige Pilger übernachteten hier in der Herberge und genossen die Aussicht auf 650 m Höhe etwas länger. Doch am heutigen Tag war leider alles in Nebel eingehüllt, dennoch war es richtig geheimnisvoll, wie sich an manchen Stellen die Nebelschwaden auflösten und den Blick in die Täler freisetzte.

 

Bergwiesen der Pyrenäen

Pyrenäenüberquerung

 

Dann aus dem Nichts eine Vielzahl an Bart- und Gänsegeiern, es müssen 20 Geier gewesen sein, im Gleitflug der Fallwinde kreisten sie kreischend über dem Tal. Nach der eindrucksvollen Pause ging es weiter über die einzigartige Bergwelt der westlichen Pyrenäen. Ich ging die Route Napoléon, die schönere Variante, die nicht an Straßen entlang führte, sondern wie zuvor schon Napoleons Truppen über einsame Bergpfade zum Lepoeder-Pass (1430 m). Immer wieder dichte Nebelschwaden, die Sicht war teilweise unter 20 Metern – die Suche der Wegmarkierungen beginnt!!! Wo geht’s hier weiter? Stille, Einsamkeit, dann hörte ich Stimmen von einer singenden Pilgergruppe, die mich schließlich überholte.

 

Ultreia! Ultreia!… Weiter geht’s, zuvor passierte ich noch Vierge de Biakorri (1095 m), die Marienstatue d'Orisson, sie befindet sich etwas abseits der Passstraße auf einer Felsenkuppe. Der Nebel löste sich etwas auf, ich sah immer wieder kleine Lücken und dann die Marienstatue auf einem schroffen Felsen stehen. Dort machte ich eine kleine Zigarettenpause, plötzlich tauchte vor mir aus dem Nebel eine junge, etwas übergewichtige Frau mit ihrem Hund auf. Man sah ihr den anstrengenden Aufstieg an, der Hund ein Berner Sennenhund, er hatte über seinen Schultern auch einen kleinen Rucksack mit Proviant zu tragen. Ich sprach sie an und rief: „Buen Camino“, wie geht’s – es stellte sich heraus, dass sie auch aus Deutschland kam, und so war die Unterhaltung einfacher.

 

Ihre Pilgerreise begann in Saint-Jean-Pied-de-Port und sie wollte auch bis Santiago pilgern, zweifelte aber noch, ob Sie und ihr Hund das auch schaffen würden. Ich machte ihr ein wenig Mut und sagte: Wer so tapfer über die Pyrenäen wandert, schafft auch den Rest der Pilgerung. Im Laufe der heutigen Etappe sah ich die beiden tapferen Pilger immer wieder.

 

Über die endlosen Bergwiesen hörte ich aus der Ferne seltsames Geläut. Plötzlich stand eine Herde freilaufender baskischer Manech-Schafe auf dem Weg. Der Nebel verschleierte die karge Landschaft und nur das Geläut der Glöckchen war zu hören. Mit ihren langen zotteligen Mähnen grasten sie gemächlich zu Hunderten auf den kräuterreichen Bergwiesen der Pyrenäen. Aus ihrer Milch wird der würzige Ossau-Iraty-Käse hergestellt. Sie schauten mich neugierig an, hielten aber auch Abstand und gingen schließlich am äußersten Wegesrand an mir vorbei. Diese Szenerie wiederholte sich noch einige Male. Auch Pferde, Ziegen und Rinder bewegen sich frei auf den Hochweiden, alle sind mit den kleinen Glöckchen um ihren Hals ausgestattet. Die Tiere haben absolute Priorität und dürfen von Pilgern nicht gestört werden.

 

Wegkreuz im Nebel

Rolandsbrunnen (Fuente de Roldán)

 

Nachdem ich das kleine Steinkreuz Thibault erreicht hatte, es befindet sich noch auf der französischen Seite der Pyrenäen, geht es nun durch ein kleines Waldstück zum Pass Col de Bentarte (1344 m). Hier befindet sich der Rolandsbrunnen (Fuente de Roldán), eine gute Gelegenheit um meine Wasserflasche zu füllen. Einige Meter weiter der Grenzstein zu Spanien, ich befinde mich nun im spanischen Navarra und nicht mehr auf französischem Boden. Bergauf geht es über Wald und Forstwege bis zum höchsten Punkt der Etappe, den Col de Leopoeder (1430 m). Steil und steinig geht es von nun an bergab, durch dichte Laubwälder zum Puerto de Ibaneta (1057 m) und weiter nach Roncesvalles/Orreaga. Hier fand am 15. August 778, in der Schlacht von Roncesvalles, der sagenumwobene Held Roland (Rolandslied) seinen Tod.

 

Damals im Spanien-Feldzug, in der Zeit, als die Mauren Spanien eroberten, war ein Teil des fränkischen Heeres unter Karl dem Großen in einen Hinterhalt gelockt worden, sie waren auf dem Rückzug, nach der verlorenen Schlacht von Zaragoza. Die Nachhut unter der Führung des Paladins, dem Markgrafen Roland (Roland, span.: Roldán oder Orlando), geriet in tödliche Gefahr, sie wurde von einheimischen Basken in der Schlucht von Luzaide-Valcarlos überfallen und ermordet. Grund des Überfalls war die vorangegangene Plünderung und Zerstörung Pamplonas durch die Truppen Karls des Großen. Mit dem historischen Roncesvalles oder in baskischer Sprache Orreaga (962 m) ist die erste Tagesetappe auf spanischem Boden erreicht.

 

Kloster Roncesvalles

Gedenkstein - Schlacht von Roncesvalles

 

Nach der kleinen Flussüberquerung des Urrobi konnte ich unterhalb der Klosteranlage mein Zelt aufbauen. Die Spanier hatten für Pilger ein kleines Zeltdorf mit ein paar Großzelten errichtet, falls es in den Herbergen keinen Platz mehr geben sollte. Auch Sabrina und ihre Bernersennen-Hündin „Sandy“ sah ich hier wieder, der steinige Abstieg hatte beide doch recht mitgenommen. Sie hatte auch ein Zelt dabei, denn mit Hunden ist es nicht möglich, eine Unterkunft in Herbergen zu bekommen.

 

Colegiata de Santa Maria

 

Am Abend besichtigten wir gemeinsam das 1132 gegründete Augustinerkloster mit seiner gotischen Stiftskirche Colegiata de Santa Maria aus dem 12./13. Jahrhundert. Etwas unterhalb steht die gotische Iglesia de Santiago, die Pilgerkapelle beherbergt eine Jakobusfigur und eine Glocke, sie stammt aus der ehemaligen Wallfahrtskirche San Salvador von Ibañeta.

 

Iglesia de Santiago, Roncesvalles

An gewissen Nebeltagen war ihr Geläut schon von Weitem zu hören und Pilger konnten sich an ihr orientieren. Das älteste Gebäude des Klosterkomplexes ist die Wallfahrtskapelle Capilla del Espirtu Santo (12. Jh.). Sie wurde angeblich von Karl dem Großen als Grab für die in der Schlacht am Pass gefallenen Ritter errichtet, sie dient seit dem Mittelalter als Pilgerfriedhof.

 

Der historische Durchgangsort Roncesvalles, den auch schon die Kelten nutzten, lag an einer alten Römerstraße, die bis nach Pamplona führte, diese wurde seit dem Mittelalter von Soldaten und Pilgern genutzt. Pilger fanden hier im Krankenhaus (Hospiz) Schutz und die nötige Pflege, bis zu 3 Tage konnten sie hier verweilen und sich von den Strapazen der Pyrenäenüberquerung erholen.

 

Santiago-Altar, Roncesvalles

Jakobusfigur, Roncesvalles

Bernd Koldewey: "Aufbruch nach Santiago" - Camino Francés (Band IV), von Saint-Jean-Pied-de-Port bis nach Santiago de Compostela, Taschenbuch, Verlag: Books on Demand, Norderstedt, 2. Auflage, Mai 2012, 212 S., 26,90 € - Dieses Buch ist mit zahlreichen Farbabbildungen ausgestattet. ISBN 978-3-8423-6521-6 - Dieses Buch kann ab sofort über den Buchhandel oder über das Internet, beispielsweise bei Amazon.de bestellt werden.

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