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Mein Jakobsweg

Von Herne bis nach

Santiago de Compostela

 

Deutschland »

Von Herne machte ich mich auf und ging am 21. März 2007 los, mein Ziel ist Santiago de Compostela.

 

Frankreich »

Nach über 3 Monaten zu Fuß quer durch Frankreich habe ich die letzte große französische Pilgerstation, Saint-Jean-Pied-de-Port, erreicht.

 

Spanien »

Seitdem ich in Spanien auf dem Camino Francés bin, begegne ich immer mehr Pilgern und Pilgerinnen.

 

Spurensuche Ruhrgebiet

Kulturhauptstadt Essen und der Jakobsweg

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

Bezogen auf den Jakobsweg ist das Jahr 2010 ein Heiliges Jahr. Doch auch das Ruhrgebiet kann sich freuen, die Stadt Essen wurde Kulturhauptstadt 2010 und vertritt stellvertretend die ganze Ruhrregion. Somit findet auch der Jakobsweg im Ruhrgebiet eine neue Resonanz.

 

Viele Ruhrgebietsstädte putzen sich heraus und präsentieren sich touristisch neu, sie haben einiges zu bieten. Alte Geschichte, alte Traditionen sowie eine neue Kulturbewegung, die vereint. Wie der Slogan „Wir sind das Ruhrgebiet“ zeigt, löst es eine Welle von Zugehörigkeit und Gemeinsamkeit aus. Auch der Pilgerweg (Jakobsweg) erhält in der Region eine neue Bedeutung. So ist es nicht zuletzt dem „Alten Hellweg“ zu verdanken, der von Dortmund über Bochum, Essen, Mühlheim an der Ruhr bis nach Duisburg einen Weg der Verbundenheit geschaffen hatte. Denn schon seit dem Mittelalter verband er die Ruhrgebietsstädte und Menschen miteinander.

 

         

              Atrium, Münsterkirche, Essen                Siebenarmiger Leuchter, Münsterkirche

 

Ich machte mich wieder auf und begab mich auf Spurensuche, dieses Mal begann ich in Essen, mitten im Ruhrgebiet. Hier suchte ich nach versteckten Hinweisen, die vielleicht auf einen Jakobsweg schließen lassen. Immer aus dem Blickwinkel des Mittelalters und des 21. Jahrhunderts. Welche Route haben die Pilger genommen, sind sie alle den Hellweg gefolgt? Oder haben sie auch Alternativen gehabt, wie z. B. den Flusslauf der Ruhr? Auch stellte sich für mich die Frage, wie sie die Stadt verlassen haben, welche Richtung haben sie genommen? Antworten auf alle dieser Fragen zu bekommen ist heute nicht ganz einfach. Denn die Stadt Essen sah vor hunderten von Jahren ganz anders aus, es gab keine Autobahn, keine großen Wohnsiedlungen und kein Straßennetz, wo man leicht die Orientierung verlieren kann. Dennoch lohnt es sich in einer Großstadt auf Entdeckungsreise zu gehen.  

 

Stift Essen und die Goldene Madonna

 

Essen hatte genau wie Dortmund eine mittelalterliche Stadtmauer, durch deren Haupttore gelangten Pilger, Kaufleute und Händler in die Stadt. Viele Pilger nutzten die Hellweg-Route, sie kamen aus Dortmund oder Bochum und gingen durch das Steeler Stadttor (Osttor) ins mittelalterliche Zentrum. Sie erreichten den höher gelegenen Marktplatz von Essen und somit auch die Stiftskirche, die heutige Münsterkirche, den Dom zu Essen. Das Stift Essen war ein Damenstift und wurde in der Mitte des 9. Jahrhundert durch Altfrid, den 4. Bischof von Hildesheim gegründet. Er baute hier auf seinem Gut Astnide eine Stiftskirche, geweiht der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Gottesmuter und den Märtyrerärzten Cosmas und Domian.

 

         

Nördlich der Münsterkirche befindet sich der Kreuzgang.

 

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde das Stift von den Äbtissinnen getragen und verwaltet. Eine der bekanntesten Äbtissinnen war Mathilde II., sie kam aus dem Geschlecht der Liudolfinger und war eine Enkelin Kaiser Ottos I. Sie brachte in der Blütezeit des Essener Damenstifts, Mitte des 10. Jahrhundert, wertvolle Kunstschätze (Domschatz) nach Essen. Darunter wohl das schönste Kunstwerk aus dem Mittelalter, die Goldene Madonna. Sie zählt zu den ältesten vollplastischen Marienfiguren der Welt. Unter den Schätzen befindet sich auch ein siebenarmiger Bronzeleuchter, gestiftet von Mathilde, dieser kann im Essener Münster besichtigt werden.

 

   

      Siebenarmiger Leuchter               Goldene Madonna                       Kreuzgang

 

Das Essener Münster ist eine Kathedralkirche des 1958 errichteten Ruhrbistums Essen. Sie ist der dritte Kirchenbau der auf den alten Grundmauern der Vorgängerkirchen aufgebaut wurde. Der Westbau und die Krypta sind die ältesten Gebäudeteile der Münsterkirche. Im 2. Weltkrieg (1943) wurde das Essener Münster fast völlig zerstört, der Wiederaufbau fand zwischen 1951 bis 1958 statt. Der erste Ruhrbischof war Franz Kardinal Hengsbach.

 

In unmittelbarer Nähe, durch ein Atrium mit der Kathedralkirche verbunden, befindet sich die gotische Hallenkirche, die heutige Anbetungskirche St. Johann Baptist. Auch hier stand schon im 10. Jahrhundert eine Vorgängerkirche (Johanneskapelle), die dem hl. Johannes dem Täufer geweiht war. Sie diente der Stiftskirche als Taufkirche und später auch als Pfarrkirche. Auch sie wurde im 2.Weltkrieg fast völlig zerstört und nach Kriegsende wieder aufgebaut. Auch die Marktkirche, die 1054 noch Gertrudiskirche hieß, befindet sich in der Nähe des Stiftsbezirks, sie ist die älteste protestantische Kirche in Essen. Im Mittelalter des 10. und 11. Jahrhundert, siedelten sich immer mehr Handwerker und Händler an, ihnen diente das Gotteshaus als Pfarrkirche.

 

   

Heiliger Rochus, Münsterkirche  -  Kreuzgang  -  Grabplatte der Elisabeth von Berge

 

Aus dem einst ländlichen Marktflecken am Hellweg, der heutigen Limbecker Straße, entwickelte sich ein bedeutender Markt- und Handelsplatz. Vielerlei Waren aus der Region wie Waffen, Schmiedeerzeugnisse und Tuchwaren wurden hier angeboten. Besonders beliebt waren wohl die Erzeugnisse des Bonner Stifts, von dessen Weingütern brachte man edle Weine nach Essen. Im Jahre 1244 wurde Essen eine Bürgergemeinde, erhielt im gleichen Jahr eine Stadtmauer und Stadtrechte.

 

Immer wieder gab es Streitigkeiten zwischen der Stadt und dem Stift, es ging um die Vorherrschaft in der Region. Diese zogen sich Jahrhunderte lang hin und man wurde sich nur zögernd einig, indem man gegen über den Äbtissinnen Gehorsam geloben musste. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Stadt Essen zur Großstadt und mit Hilfe der Krupp Familie zu einer der wohlhabendsten Industriestädte der Region. Steinkohlebergbau und Guss-Stahlwerke prägten bis zum Strukturwandel das Landschaftsbild.

 

    

       Westbau, Münsterkirche - Kath. Anbetungskirche St. Johann Baptist - Ev. Marktkirche

 

Das alte Klischee von Kohle uns Staub ist nun Vergangenheit, das Ruhrgebiet zeigt sich heute naturnah und touristisch. Aus der alten Industrieregion ist ein neuer Kulturraum entstanden, dieser verbindet die Menschen einer ganzen Region. Das Ruhrgebiet hat seinen Namen der Ruhr zu verdanken, der Fluss spielte lange Zeit eine wichtige Rolle. Auf ihm transportierte man mit den Ruhraaken (Flussfrachtschiffe) das schwarze Gold des Ruhrgebiets bis nach Duisburg. Eine Zeitlang war die Ruhr die meistbefahrene Wasserstraße Deutschlands. Heute bietet die Flusslandschaft einen hohen Freizeitwert und ist eines der schönsten Naherholungsgebiete im Ruhrgebiet.

 

Nach der Besichtigung der Bischofskirche im ehemaligen Stiftsbezirk suchte ich einen geeigneten Weg um den Stadtkern zu verlassen. Mein nächstes Ziel war die Ortschaft Essen-Rellinghausen aufzusuchen, sie liegt einige Kilometer südöstlich von Essen-Zentrum entfernt, auf einer Anhöhe an der Ruhr. Auch hier gab es wie in Essen-Mitte ein Damenstift, das dem Stift Essen unterstellt war. Doch das war nicht der eigentliche Grund meines Interesses, sondern ich wollte die heutige Pfarrkirche St. Lambertus besuchen. Sie war die ehemalige Stiftskirche von Rellinghausen und auch lange Zeit eine Jakobuskirche.

 

Die Jakobskirche von Rellinghausen und der Hostienraub

 

Also machte ich mich auf und ging am Stadtgarten vorbei ins Südviertel. Hier erreichte ich nach einer Weile Essen-Rüttenscheid und das Walpurgistal. Durch dieses schöne Tal fließt der Rellinghauser Mühlenbach. Einst standen hier einige Mühlen wie z. B. eine Schleifmühle und eine Gewehrfabrikation, die über zwei Jahrhunderte lang Gewehrläufe mit Wasserkraft erbohrten und schleiften. In der Blütezeit zwischen 1806 und 1813 fertigten sie bis zu 6000 Gewehre und Pistolen pro Jahr an. Auch eine Stiftsmühle aus dem 15. Jahrhundert gab es hier, sie wurde lange Zeit von einem Lehnsmann betrieben.

 

         

Pfarrkirche St. Lambertus (ehemalige Stiftskirche und Jakobuskirche), Rellinghausen

 

Hier im Tal (Walpurgistal/Annental) nicht weit vom Stift Rellinghausen und der genannten Kirche entfernt ereignete sich im Jahre 1516 der legendäre Hostienraub von Rellinghausen. Genau am 25. Juli, am Jakobustag, feierte man wie jedes Jahr zu Ehren des Apostels Jakobus ein Kirchfest. Zwei Frevler machten sich auf um in der Stiftskirche die Kollekte zu stehlen. Doch was sie erbeuteten war viel schlimmer, statt des erhofften Geldsäckchens hatten sie im Beutel einen silbernen Kelch und die geweihten Hostien gestohlen. So flüchteten sie aus Angst vor Verfolgung durch das Tal in Richtung Essen und warfen ihre schändliche Beute ins Gebüsch. Erst am Tag danach, am St. Annentag, fand ein Schäfer den Beutel mit den geweihten Hostien. Seine Schafe, so die Legende, knieten vor einem Dornenbusch. Es war die Geburtsstunde der Annenprozession, an der Stelle des Fundortes wurde eine kleine Kapelle errichtet. Und so findet seit fast 500 Jahren, am 26. Juli das Annenfest statt, in einer Prozession pilgern die Bewohner und Gäste jedes Jahr von St. Lambertus bis zur Annenkapelle und feiern ihr Kirchfest.  

 

             

            Fachwerkhäuser im Stiftsbezirk                Ehemaliges Stiftshaus, Rellinghausen

 

Hier auf der Anhöhe am Glockenberg, dem Stiftsbezirk, liegt die heutige Pfarrkirche St. Lambertus. Lange Zeit war sie die Stiftskirche von Rellinghausen und dem hl. Jakobus geweiht. Erst 1634 wurde sie umbenannt und Schutzpatron wurde der hl. Lambertus. Grund war vermutlich der Einzug von spanischen Truppen, die hier im Dreißigjährigen Krieg (1618/48) quartierten und Spuren hinterlassen haben.

 

              

                Ruhrhöhenwanderweg                                   Schellenberger Wald  

 

Das Stift Rellinghausen gab es seit 996 und wurde für Damen des Landadels (niederen Adels) gegründet. In seiner über 1000jährigen interessanten Geschichte, die dieser Landstrich aufweist, erinnern noch heute einige Bauwerke an alte Zeiten. In der Nähe der Kirche befinden sich einige Fachwerkhäuser und das ehemaliges Stiftshaus. Auch das Gasthaus „Alte Dorfschänke“ beherbergte einst Pilger. 

 

Die Ruhrhöhen und die „Korte-Klippe“

 

Ein wenig setzte ich meine Spurensuche für den heutigen Tag noch fort. Zwar war die Ruhr ganz in der Nähe, und ich hätte noch gemütlich in den Ruhrauen meinen Weg fortsetzen können. Doch entschloss ich mich über die Ruhrhöhen, durch den Schellenberger Wald zu wandern. Ich wollte den Aussichtpunkt „Korte-Klippe“ erreichen, um dann in Essen-Heisingen meine heutige Etappe zu beenden. Schöne Wanderwege führten mich durch den bezaubernden Mischwald, der mit alten Eichen- und Buchenbäumen bepflanzt ist. Ganz in der Nähe das Jaghaus, es bot einst Unterkunft für die Waldarbeiter, und das Schloss Schellenberg (12./13. Jahrhundert), lange Zeit war es der Wohnsitz der Familie Vittinghoff-Schell. Heute werden weite Teile des Schlosses für Seminar- und Schulungszwecke genutzt.

 

         

                 Ruhrhöhe „Korte-Klippe“                             Blick auf den Baldeneysee

  

Nach einer Weile erreichte ich die Ruhrhöhe mit der schönen Aussicht auf den Baldeneysee und das weite Ruhrtal. Hier wurde der Fluss zwischen den Essener Stadtteilen Heisingen, Kupferdreh und Werden zwischen 1931 und 1933 aufgestaut. Ganz in der Nähe der Aussichtsplattform „Korte-Klippe“ befinden sich die Ruinen der Neuen Isenburg (1240). Sie wurde nach der Zerstörung der Hattinger Isenburg im Jahre 1226 aufgebaut und nur 48 Jahre später ließ man sie schleifen. Danach wurde sie nie wieder aufgebaut. Eine Weile genoss ich noch die schöne Aussicht über den größten Ruhrstausee und machte mich zum langen Abstieg nach Essen-Heisingen auf. Hier beendete ich meine schöne Tagestour und freue mich auf die Fortsetzung.

 

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Herne, 21. März 2010

 

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Bücher zum Jakobsweg

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Kath. Münsterkirche, Essen

Hauptaltar, Münsterkirche

Ev. Kreuzeskirche,

Essen-Stadtkern

Kath. Kirche St. Gertrudis,

Essen-Stadtkern

Ev. Erlöserkirche,

Essen-Südviertel

Ev. Erlöserkirche,

Essen-Südviertel

Stadtgarten, Essen

Kath. Kirche St. Andreas,

Essen-Rüttenscheid

Kath. Kirche St. Lambertus,

Essen-Rellinghausen 

hl. Lambertus

Stiftsbezirk von Rellinghausen

Stele von Rellinghausen

Schellenberger Wald  

Baldeneysee

Aussichtspunkt „Korte-Klippe“

Gedenkstein - Korte-Klippe

Rudolf Korte

-Erbauer der Gruga-

Gartendirektor 1921 -1938

Ruhrhöhenweg

Blick auf den Baldeneysee

Kath. Kirche St. Georg,

Essen-Heisingen

Ev. Pauluskirche,

Essen-Heisingen