Kastilien das Land der Burgen und den endlosen Weiten der Meseta

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Kastilien das Land der Burgen und den endlosen Weiten der Meseta

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Buen Camino!

Auszug aus dem Buch

Aufbruch nach Santiago - Band IV

- Camino Francés -

„Kastilien das Land der Burgen und

den endlosen Weiten der Meseta“

Von Hornillos del Camino bis nach Frómista

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

Hornillos ist eine alte Pilgerstation auf dem Weg nach Santiago. Im 12. Jahrhundert führte der Ort mehrere Hospitäler. Heute direkt neben der Kirche Santa Maria findet man die einzige Herberge, die nach dem großen Pilgerboom, Anfang der 90er Jahre, von den ehrenamtlichen Helfern (Hospitaleros) betreut wird.

 

Einsiedelei San Bol

Hontanas im Talkessel

 

Von Hornillos del Camino bis nach Castrojeriz

 

Von Hornillos geht es weiter durch die unendlichen Weiten der Meseta. Hier im zentralspanischen Hochland (Meseta) nimmt auch die Schafzucht zu und man bekommt immer mehr Schafherden und Hirten zu sehen. Eine einzigartige und fremdartige Landschaft, die ihre eigenen besonderen Reize hat. Ich bin begeistert von der Vielfalt und der Kraft der Natur. Das Licht der Meseta reflektiert die riesigen Kornfelder mit unterschiedlichen ockergelben und goldgelben leuchtenden Farben. Die Wolken ziehen wie ein Schleier über meinen Kopf hinweg, dann plötzlich ein endloser blauer Himmel. Auch der Wind, der ohne Widerstand über die Hochebene hinweg weht und mich weiter vorwärtstreibt. Das alles ist die Meseta, eine baumlose und menschenleere Region im zentralspanischen Hochland.

 

Nach einigen Kilometern erreichte ich die Einsiedelei San Bol, einst eine Leprastation und Kloster. Das ehemalige Dorf existiert schon lange nicht mehr, es lag in einer kleinen Senke (Mulde). Heute steht hier ein einzelnes Haus, das als Herberge dient, umgeben von grünen Bäumen liegt es wie eine Oase in der Einöde der Meseta. Die seit 1990 einfach ausgestattete Pilgerherberge „San Bol“ bietet Platz für 12 Personen, das Wasser bezieht man aus der eigenen 10 Grad kalten Quelle, die hinterm Haus liegt. Eine gute Gelegenheit meine Wasserreserven nachzufüllen, bevor ich weiter nach Hontanas gehe.

 

Leicht bergauf geht es aus der Senke hinaus, nun befinde ich mich wieder auf der Hochebene. Nach einer Stunde, wie aus dem Nichts, taucht im nächsten kleinen Talkessel die schöne Ortschaft Hontanas auf. Mitten in der Ortschaft die Pfarrkirche Iglesia de la Inmaculada Concepción (14. Jh.). Gleich in der Nähe befindet sich die Herberge „Albergue El Puntido“. In der kleinen Bar, die zur Herberge gehört, trinke ich noch einen Kaffee. Ein zentraler Treffpunkt für Pilger – hier plaudert man über den Etappenverlauf und freut sich auf das Wiedersehen. Manche Pilger bleiben auch gleich im Ort und übernachten in der schönen Herberge. Da es noch recht früh am Nachmittag ist, ziehe ich es vor noch bis nach Castrojeriz zu pilgern.

 

Ruinen des alten Klosters San Antón

Bogengewölbe,  Convento de San Antón

 

Nach der kleinen Stärkung breche ich wieder auf, es geht landschaftlich reizvoll weiter. Die kleinen Dörfer mit Brunnen und Bars sind eine gute Abwechslung. Nach einiger Zeit erreiche ich ein besonderes Highlight, die Ruinen des alten Klosters San Antón. Das Convento de San Antón aus dem 14. Jahrhundert wurde von den Antoniusmönchen erbaut. Heute noch eine historische Pilgerherberge auf dem Jakobsweg.

 

Im Mittelalter spricht man von vielen Wunderheilungen, die dem Antoniusorden zugesprochen worden sind. Sie heilten die Menschen, die am so genannten „Antoniusfeuer“ erkrankt sind. Eine wie sich später herausstellte vermeidbare Pilzerkrankung (Mutterkorn). Es handelte sich um verseuchtes Getreide, es vergiftete damals ganze Dörfer und Städte und führte schließlich zum Tod. Als Erkennungszeichen trugen Mönche des Ordens das „Tau“, ein T-förmiges Kreuz, heute als „Cruz del Peregrino“ bekannt, es soll vor Unheil und Krankheiten schützen.

 

Der Jakobsweg führt mich mitten durch ein riesiges Bogengewölbe hindurch. Durch die alten Mauerreste geht es auf der Landstraße weiter nach Castrojeriz. Schon von weitem sieht man den Tafelberg mit der Burgruine Castrum Sigerici, an dessen Südflanke sich Castrojeriz befindet. Durch die am Ortseingang gelegene Klosteranlage und Stiftskirche Santa Maria del Manzano (13. Jh.) betrete ich die Stadt. Bis zur Pilgerherberge „San Esteban“ in der Ortsmitte zieht sich der Weg ca. 1,5 km durch die Ortschaft hindurch. Nach einer sehr langen Etappe mit vielen Eindrücken bin ich froh mein heutiges Ziel erreicht zu haben.

 

Getreidefelder der Meseta

Castrojeriz und der Tafelberg (Alto de Mostelares)

 

Von Castrojeriz bis nach Frómista

 

Es ist bereits der 12. September und so langsam erreiche ich die Hälfte des Caminos Francés, bis Santiago de Compostela sind es aber immer noch einige hundert Kilometer. In Castrojeriz (808 m) blieb ich über Nacht und war in der Herberge gut aufgehoben. Die nächste Etappe führte mich durch die beiden Ortschaften Itero de la Vega und Boadilla del Camino, bis nach Frómista.

 

Am frühen Morgen ging es wieder los. Natürlich führte uns der Jakobsweg, wie kann es anders sein, über den beeindruckenden und 911 Meter hohen Tafelberg (Alto de Mostelares). Alle hatten wir viel Mühe hinauf zu kommen, immer wieder legten wir eine Pause ein und schnauften kräftig durch. Belohnt wurden wir mit der Aussicht, wir blickten auf Castrojeriz und die atemberaubende Landschaft zurück. Nach einem kleinen Abstieg erreicht man die Tierra de Campos, die Kornkammer Spaniens, charakteristisch für die weiten Felder der Meseta.

 

Durch die Weiten der Meseta...

Kapelle und Herberge San Nicolás

 

In dieser zwar recht öden und baumlosen Region spürt man die endlosen Weiten der Getreidefelder besonders gut. Man kommt sich schon etwas verloren vor und ist den Elementen total ausgesetzt, jedoch ist man auch zugleich fasziniert von der außergewöhnlichen Landschaft. Das riesige Hochplateau liegt auf 800 Metern Höhe und ist leicht hügelig. Nach zwei Stunden erreichte ich die Kapelle und Herberge San Nicolás (13. Jh.). Hier ist es noch eine echte Tradition, dass ankommende Pilger oder Pilgerinnen, die hier übernachten, an einer historischen Fußwaschung teilnehmen können, ganz so, wie es noch im Mittelalter üblich war.

 

Nach wenigen Metern erreichte ich die mittelalterliche Brücke „Puente de Itero“ aus dem 11. Jahrhundert. Ich überquerte den Grenzfluss Río Pisuerga und verlasse zugleich die Provinz Burgos. Nun befinde ich mich für einige Zeit in der Provinz Palencia und das erste kleine Örtchen heißt Itero de la Vega.

 

Hier machte ich eine kleine Pause und kühlte mich an einem Brunnen ab. Nachdem ich meine Wasserflaschen gefüllt hatte, wollte ich gerade weiter ziehen. Doch plötzlich sprach mich ein älterer Herr an, er wollte mir etwas zeigen. Er nahm mich mit zu seinem Haus, in einem Vorbau, eine Art Garage, stand ich plötzlich in einem Raum, der mit Postkarten und Fotos aus ganz Europa bestückt war. Es waren Hunderte von Fotografien, die ihn mit Pilgern zeigten, die sein Dorf durchquert hatten.

 

Puente de Itero, sie überquert den Río Pisuerga...

„Señor de Peregrinos“

 

Mit Selbstauslöser hatten die vielen Jakobspilger ein Foto von ihm und sich geschossen und später in der jeweiligen Heimat das Foto entwickeln lassen und dem freundlichen Pilgerfan per Post zugesendet. All diese schönen Erinnerungen hängen nun fein geordnet an den Wänden und der Decke des Schuppens. Mit Stolz erzählte der alte „Señor de Peregrinos“ mir seine Geschichten. Auch ich versprach, nach meiner Reise ihm das Foto zu schicken.

 

Nach der tollen Begegnung ging es weiter durch die Getreidefelder der Meseta, die man auch historisch die „Gotischen Felder“ nennt. Die breiten Feldwege führten mich schließlich nach zwei weiteren Stunden nach Boadilla del Camino. Die Sonne brannte ganz schön, das Korn wurde schon geerntet und überall verstreut lagen noch vereinzelt Strohballen herum. Das Dorf lebt wie die meisten Dörfer in der Meseta von der Landwirtschaft. Angebaut werden Weizen und Gerste, aber auch Rinder- und Schafzucht wird überall betrieben. Sehenswert die Iglesia de la Asunción und hinter der Kirche die spätgotische Gerichtssäule „Rollo jurisdiccional“ aus dem 16. Jahrhundert, sie ist mit unzähligen Pilgermuscheln verziert. Früher wurde hier Recht gesprochen und Schuldige zur Strafe an die Säule gebunden.

 

Gotischen Felder der Meseta

Hirte mit Schafherde am Canal de Castilla

 

Kurz hinter der Ortschaft erreichte ich den Canal de Castilla (Kastilischer Kanal), die Lebensader der Region. Diese im 18. Jahrhundert angelegte Wasserstraße ist 210 km lang und diente lange Zeit als Transportweg für das Getreide. Über die Treidelpfade zogen Maultiere die schweren Lastschiffe bis nach Norden zum Atlantik. Heute dient die ingenieurtechnische Meisterleistung mit ihren 49 Schleusen als Hauptbewässerungsader für eine ganze Region, die die riesigen Getreidefelder der Meseta bewässert.

 

Bei Frómista (788 m), lateinisch „frumentum“, was so viel wie Weizen bedeutet, erreichte ich ein Wehr, das 14 Höhenmeter ausgleicht. Über einen kleinen Brückensteg ging es auf der anderen Seite weiter ins Zentrum von Frómista. Es ist ein geschichtsträchtiger Ort, die ersten Siedler waren vermutlich Kelten und Westgoten. Mir fiel sofort die romanische Kirche Iglesia de San Martin auf, sie stammt aus der Zeit des 11. Jahrhunderts. Doña Mayor Gräfin von Kastilien, die Witwe des Königs von Navarra Sancho III. Mayor, gab diesen exzellenten Bau in Auftrag. Lange Zeit stand an gleicher Stelle ein Benediktinerkloster und bot den Pilgern damals wie heute einen Ort der Besinnung. Leider hatte ich nicht das Glück die reich mit Skulpturen verzierte Kirche von innen zu besichtigen, sie war wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.

 

Wehranlage, Canal de Castilla, Frómista

Iglesia de San Martin, Frómista

 

Gleich hinter der Kirche fand ich in der Pilgerherberge eine Unterkunft. Am Abend, nach dem Duschen und Waschen der Wäsche, trafen sich viele Pilger noch auf ein Glas Wein, es können auch ein paar Gläser mehr gewesen sein. Eine gesellige Runde von Pilgerinnen und Pilger. Es war eine ausgelassene Stimmung, jeder erzählte von seinen Erlebnissen und man freundete sich schnell an. Frómista hat einige schöne Plätze mit Cafés und Bars und ist ein angenehmer Ort mit einigen Sehenswürdigkeiten. So soll hier um das Jahr 1190 der seliggesprochene Dominikanermönch Pedro González Telmo geboren worden sein, uns Deutschen bekannt als Sankt Elm, der Schutzpatron der Seefahrer. Bekannt ist auch das St.-Elms-Feuer, das so manchen Seeleuten erschienen ist.

 

Jedes Jahr kurz nach Ostern wird in der kleinen Stadt ein großes Fest zu Ehren des San Telmo gefeiert. Hunderte von Menschen treffen sich vor der Iglesia de San Pedro, tanzen und singen mit Stöcken im Kreis herum, die ganze Nacht hindurch und auch am nächsten Tag wird gefeiert. Er missionierte und predigte an der Küste Galiciens und Portugal, Fischer und Seeleute standen unter seinem Schutz. 1246 starb der spanische Heilige in der galicischen Stadt Tui (Provinz Pontevedra) am Río Miño, an der Grenze zu Portugal.

 

Bernd Koldewey: "Aufbruch nach Santiago" - Camino Francés (Band IV), von Saint-Jean-Pied-de-Port bis nach Santiago de Compostela, Taschenbuch, Verlag: Books on Demand, Norderstedt, 2. Auflage, Mai 2012, 212 S., 26,90 € - Dieses Buch ist mit zahlreichen Farbabbildungen ausgestattet. ISBN 978-3-8423-6521-6 - Dieses Buch kann ab sofort über den Buchhandel oder über das Internet, beispielsweise bei Amazon.de bestellt werden.

 

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