Jakobsweg: Von Herne bis nach Schwelm

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Aufbruch nach Santiago: Von Herne bis nach Schwelm

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Buen Camino!

Auszug aus dem Buch "Aufbruch nach Santiago" - Band I

Von Herne bis nach Schwelm

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

Gut ausgerüstet und mit guter Gesinnung ging es am 21. März 2007 auf den Weg. Mein Ziel ist Santiago de Compostela im nordspanischen Galicien. Es war Frühlingsanfang, doch hatte sich der Winter noch nicht geschlagen gegeben.

 

Von Herne nach Bochum-Stiepel

 

Lausig kalt war es am ersten Tag meiner langen Reise, die Temperaturen lagen bei plus 3 Grad. Trotzdem war ich doch froh, dass es jetzt so weit war. In gleichmäßigen Schritten, den Pilgerstab in der rechten Hand, meinen schwarzen Lederhut auf dem Kopf und den ca. 15 kg schweren Rucksack auf dem Rücken, ging es zunächst durch den Schlosspark Strünkede. Einen letzten Blick noch auf das schöne Wasserschloss und die Schlosskapelle, das älteste Bauwerk in Herne. Weiter geht es nun Richtung Herner Innenstadt.

 

Schloss Strünkede – Pilgerstart - Schlosskapelle Strünkede

 

Unbehaglich war es für mich in der Fußgängerzone, geradeaus blickend und den Hut tiefer ins Gesicht gezogen, ging es an den vielen Passanten vorbei, die jetzt am frühen Vormittag ihre Einkäufe tätigten. Ein wenig wurde ich beäugelt, ich dachte, haben die noch nie einen Jakobspilger gesehen oder hielten sie mich womöglich für einen Zimmermann, einen Wandergesellen. Nein, das kann auch nicht sein, der hat doch keinen Rucksack auf dem Rücken.

 

Genau, der Rucksack zog mich gerade ein wenig nach hinten, er saß nicht richtig am Körper. Das Gewicht des Inhalts drückte mich in einer unangenehmen Position, die für meinen Rücken nicht gut war. Also zog ich ein paar Mal an den Bändern rechts und links und schon passte es wieder. Alles war noch recht ungewohnt und ich musste mich erst noch an die ungewohnte Last gewöhnen. Schnell hatte ich die Fußgängerzone verlassen und erreichte die Wiescherstraße, die mich nach Bochum Hiltrop führt. Über den kleinen Höhenrücken des Gysenbergs im Stadtteil Constantin erreichte ich die Stadtgrenze und nach einer Weile den Bochumer Stadtteil Hiltrop.

 

Alter Kotten in Herne

Felder in Herne-Constantin

 

Bewusst habe ich mir diese Route über Hiltrop ausgewählt, denn das Dorf erinnert mich an meine Kindheit und Jugend. Viele Jahre hatte ich hier gelebt und ging in Bochum-Bergen zur Schule, es waren schöne Jahre, auf die ich immer wieder gerne zurückblicke. Früher war es noch ein idyllisches Dorf, sehr ländlich und mit mehreren Gehöften. Zum Beispiel das von dem Bauer Koch, ich höre noch heute die vielen lebhaften Geräusche, die die Tiere in den Ställen von sich gaben. Mein Schulweg verlief immer recht abenteuerlich, es ging an Hühner- und Kaninchenställen und Taubenschlägen vorbei, so dass ich den Eindruck hatte, nie in der Schule anzukommen.

 

Der Schulweg zog sich überwiegend durch die Hinterhöfe der Bergarbeiterhäuser, es war schon der kürzeste Weg, doch an fast jedem Stall blieb ich stehen und schaute mir die Tiere an. Mehrmals im Jahr wurde sogar noch geschlachtet und so manches Hausschwein verlor dabei sein Leben. So war das halt damals, in einer Zeit des Aufbruchs, als die Zechen im Ruhrgebiet noch reichlich Kohle förderten. Viele Jahre sind mittlerweile vergangen und jetzt, legte ich bewusst meinen persönlichen Jakobsweg durchs Dorf und an der Eifelschule in Bergen vorbei.

 

Hiltroper Kirche

Blick auf Bochum (Tippelsberg)

 

Über Bochum-Bergen erreichte ich schließlich den Stadtteil Grumme. Es ging am Tippelsberg vorbei, dem letzten Ausläufer des Ardeygebirges. Hier hatte man schon früher einen wunderbaren Blick über die Bochumer Innenstadt. Heute genießt man von der Halde Tippelsberg (150m), ein Naherholungsgebiet, eine fantastische Aussicht über das Mittlere Ruhrgebiet.

 

In dem weiteren Verlauf ging es nun am Bochumer Stadtpark vorbei und ich erreichte kurze Zeit später das Zentrum von Bochum. Hier besuchte ich den Altstadtbereich, das, was noch übrig geblieben ist. Ein kleines Denkmal und beliebtes Postkartenmotiv, der „Kuhhirte“, er steht an der Bongardstraße, am Alten Markt. Die Bronzeskulptur stellt den „alten Kortebusch“ dar, hornblasend mit Stock und Hund. Fritz Kortebusch war der letzte Hirte in Bochum. Das Kunstwerk wurde von dem aus Münster stammenden Bildhauer August Schmiemann geschaffen und 1908 feierlich eingeweiht.

 

Fritz Kortebusch (Bochumer Kuhhirte)

Propsteikirche Peter und Paul

 

Es erinnert an die Zeit des letzten Viehtriebs in Bochum, der 1870 vom Bochumer Stadtrat eingestellt wurde. Zwanzig Jahre trieb der Hirte das Vieh der Bürger auf die Vöde, die städtische Weide. Die Zeit der Industrialisierung begann, Bergbau und Stahlindustrie nahmen ihren Anfang und waren für lange Zeit prägend im Ruhrgebiet.

 

Auch der sehenswerte Besuch der Propsteikirche St. Peter und Paul, die älteste katholische Kirche in Bochum, sowie die Pauluskirche, die älteste evangelische Kirche in Bochum und die Ruine der Christuskirche waren für mich sehr lohnenswert.

 

Die Kirche St. Peter und Paul, eine auf den Grundmauern einer aus dem 8. Jahrhundert stammenden Missionskapelle aus Holz, die Karl der Große an einem wichtigen Kreuzpunkt des Hellwegs erbauen ließ. Geweiht wurde sie dem heiligen Petrus. Im 11. Jahrhundert wurde sie erweitert und zu einer steinernen Saalkirche umgebaut, die leider am 25. April 1517 einem großen Stadtbrand zum Opfer fiel. Dreißig Jahre später entstand eine schlichte westfälische Hallenkirche im spätgotischen Stil. Ein weiterer Brand und nicht zuletzt die Bomben des Zweiten Weltkrieges zerstörten große Teile der Kirche aufs Neue, 1959 war sie nach 11 Jahren Bauzeit wieder aufgebaut worden.

 

Chorraum, Peter und Paul

Pauluskirche

 

Im Inneren der beeindruckenden Kirche befinden sich zahlreiche Kunstwerke aus verschiedenen Epochen. Zum Beispiel der romanische Taufstein aus dem 12. Jahrhundert mit wunderbaren Reliefdarstellungen. Auch die neugotischen Schnitzaltäre und der Hochaltar mit Bladenhorster Kreuz (14. Jahrhundert) sind bemerkenswert. Zu erwähnen ist noch der Marienaltar mit der wunderschönen „Ittenbachmadonna“ sowie der Reliquienschrein der Heiligen Perpetua und Felicitas aus dem 11./12. Jahrhundert.

 

Die Pauluskirche ist die älteste evangelische Kirche in Bochum, sie liegt nur wenige Schritte von St. Peter und Paul entfernt und befindet sich mitten in der Bochumer Innenstadt. Mitte des 17. Jahrhundert wurde für die lutherische Dorfkirche der Grundstein gelegt. Auch sie wurde im 2. Weltkrieg durch Bombenangriffe zerstört und wieder aufgebaut. In der Nähe des Bochumer Rathauses befindet sich gegenüber der ehemaligen bayerischen Schlegel-Scharpenseel-Brauerei (Schlegelturm), die evangelische Christuskirche, bzw. der Turm der von der ehemaligen Kirche übrig geblieben ist. Der durch Bomben verschonte Turm ist heute ein Manifest der Kulturen, er erinnert an die Greuel des Krieges und an dessen Opfer. Als Mahnmal und als Zeichen der Versöhnung wird am Vorplatz des Kirchenturms der Christuskirche, seit 2007, ein neuer Platz gestaltet, der des europäischen Versprechens.

 

Mein Pilgerweg führte mich nun weiter über die Kortumstraße durch die Innenstadt bis zum Schauspielhaus Bochum, dort erreichte ich die Königsallee, die längste Straße in Bochum. Diese zog sich leicht ansteigend bis zum alten Ortsteil Stiepel.

 

Wallfahrtskirche St. Marien, Bochum-Stiepel

Zisterzienserkloster zu Bochum-Stiepel

 

Nach der ersten Tagesetappe von 25 km, übernachtete ich im Zisterzienserkloster zu Bochum-Stiepel. Am Ortseingang steht beeindruckend die Wallfahrtskirche, in der ich vor 50 Jahren getauft worden bin. Ich hatte Glück, ein freundlicher Mönch des Zisterzienserordens, der Gastpater, hatte noch ein Zimmer frei für mich. Er zeigte mir meine Pilgerunterkunft, ein kleines sauberes schlichtes Zimmer mit kleinem Bett. Ein spiritueller Ort wo ich meine erste Tagesetappe verarbeiten konnte. Ich war geschafft, denn das kalte Wetter und das ungewohnte Tragen des Rucksacks, zehrten ein wenig an Leib und Seele. Doch jetzt im warmen Zimmer des Klosters hatte ich eine passende Einkehr gefunden, ich war froh und voller Hoffnung für den weiteren Verlauf meiner Pilgerreise.

 

Das Dorf Stiepel mit seiner über 1000-jährigen Geschichte war schon im Mittelalter ein großer Marienwallfahrtsort. Lange Zeit befand sich in der alten Dorfkirche das Gnadenbild der „Schmerzhaften Mutter Gottes“ von Stiepel.

 

Wallfahrtskirche St. Marien mit „Schmerzhafte Mutter Gottes“ von Stiepel

 

Im April 1008 ließ Gräfin Imma, Schwester des Paderborner Bischofs Meinwerk, zu Ehren der Jungfrau Maria, etwas oberhalb der Ruhr eine Eigenkirche erbauen. Bis in die Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert pilgerten viele Gläubige nach Stiepel, um im Gebet den Ablass ihrer Sünden zu erhalten. Die Pietà, das gotische Gnadenbild aus dem 15. Jahrhundert, war mittlerweile das zweite Bildnis der Schmerzhaften Mutter. Das erste ging verloren, es blieb noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts in der alten Dorfkirche. Dann 1825, durch eine Schenkung, gelangte die „Schmerzhafte Mutter“ nach einer langen Odyssee nach Essen-Werden, dort stand sie in der Abteikirche (Ludgerusbasilika). Knapp 100 Jahre später, seit 1920, befindet sich das Gnadenbild wieder am Ursprungsort, in der neu gebauten St. Marien-Kirche in Bochum-Stiepel.

 

Im Laufe der Zeit gab es in Stiepel wieder einen Wallfahrtsort, mit dem Kloster und den Mönchen des Zisterzienserordens, eine Niederlassung sowie erste Neugründung des Stiftes Heiligenkreuz bei Wien. Das Kloster entwickelte sich zur großen Pilgerstätte des Bistums Essen, ein Ort der Einkehr und Meditation. Umgeben von Wald und Feldern, verbrachte ich hier eine angenehme Nacht.

 

Von Bochum-Stiepel bis nach Schwelm

 

Nach dem ersten Tag ging es weiter durch das Dorf Stiepel mit seiner 1000-jährigen Dorfkirche, die ich auch besuchte. Die romanische Basilika liegt etwas oberhalb der Ruhr und wurde von Gräfin Imma von Stiepel, einer Verwandten des Kaisers Heinrich II., gestiftet. Die eindrucksvollen mittelalterlichen Wandmalereien (Fresken) aus dem 12. bis 16. Jahrhundert sind besonders hervorzuheben und wohl einzigartig in Westfalen.

 

1000-jährige Stiepeler Dorfkirche

Wandmalerei (Freske)

 

Weiter ging es hinunter zur Ruhr und kurze Zeit später erreichte ich das Wasserschloss Kemnade, es liegt am gleichnamigen Stausee mitten im idyllischen Ruhrtal. Haus Kemnade (1270) vermittelt einem den Eindruck, eine Wasserburg zu sein, doch ist man sich nicht ganz einig. Durch einen Brand wurde die alte Burganlage 1589 völlig zerstört. Durch ein Ruhrhochwasser hatte sich auch der Verlauf der Ruhr geändert, und so kam vermutlich das Wasser durch einen Altarm in die Gräfte.

 

Haus Kemnade wurde wieder aufgebaut und sieht prachtvoll aus. Auch das Innere bietet wahre Kunstschätze, ein Besuch der sich lohnt, alte verzierte Kamine, Deckendekorationen und nicht zuletzt, im Museum, die kostbaren Ausstellungsstücke von Musikinstrumenten und Spieluhren aus dem 16. bis 20. Jahrhundert. All dies trägt zum Ambiente eines richtigen Schlosses bei.

 

Haus Kemnade (Wasserschloss)

Wasserschloss Kemnade

 

Über die Ruhr ging es nun Richtung Sprockhövel und weiter nach Schwelm. Heute musste ich mir die volle Pilgermontur (Regencape) überstreifen, denn bei Schneeregen und Sturm ging es überwiegend auf Landstraßen nach Schwelm, immer den Blick auf die entgegenkommenden Autos gerichtet. Eine anstrengende Etappe, nach 30 km war alles überstanden und ich fand eine Übernachtungsmöglichkeit in der kath. Kirchengemeinde St. Marien (Schwelm). In einer Jugendeinrichtung bekam ich eine Luftmatratze und konnte mich auf dem Boden bequem einrichten und es war angenehm warm. Alle waren sehr freundlich. Was für ein Start! dachte ich mir. Am nächsten Morgen noch einen Kaffee im Pfarramt, dann ging es auch gleich weiter. Die heutige Etappe führt mich über Wuppertal-Beyenburg bis nach Wermelskirchen.

 

 

Bernd Koldewey: "Aufbruch nach Santiago" - Band I: Von Herne bis nach Vézelay, Taschenbuch, Verlag: Books on Demand, Norderstedt, 1. Auflage, Januar 2011, 172 S., 27,90 € - Dieses Buch ist mit zahlreichen Farbabbildungen ausgestattet. ISBN 978-3-8423-4862-2 - Dieses Buch kann ab sofort über den Buchhandel oder über das Internet, beispielsweise bei Amazon.de bestellt werden.

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