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Von Herne machte ich mich auf und ging am 21. März 2007 los, mein Ziel ist Santiago de Compostela.

 

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Nach über 3 Monaten zu Fuß quer durch Frankreich habe ich die letzte große französische Pilgerstation, Saint-Jean-Pied-de-Port, erreicht.

 

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Seitdem ich in Spanien auf dem Camino Francés bin, begegne ich immer mehr Pilgern und Pilgerinnen.

 

 

Auszug aus dem Buch

Aufbruch nach Santiago - Band II –

Von Orcival bis nach Issoire

„Ins Reich der Träume“ -

Aufstieg zum Pass „Col de la Croix Saint Robert“

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

Am nächsten Morgen, es war der 12. Juni 2008, Rüdiger und ich waren jetzt seit einer Woche gemeinsam unterwegs und alles klappte prima. Wir hatten uns wieder aufeinander eingestellt und genossen jeden Tag. Die letzte Nacht war etwas ganz Besonderes – neben einer Basilika zu übernachten, passiert einem Pilger auch nicht jeden Tag.

 

      

                          In der Ferne die Gebirgskette der Puys (Chaîne des Puys)

 

So machten wir uns auf den Weg und verließen den schönen Ort Orcival in südwestlicher Richtung. Es ging auf der Passstraße D27 weiter steil bergauf, mit Blick auf den Rouchaube (1094m). Nach wenigen Kilometern sahen wir auf der rechten Seite Reste eines vulkanischen Kraters. Vor 2 Millionen Jahren war der Vulkan noch aktiv und durch die starke Erosion teilte er sich in zwei Hälften. Übrig blieben zwei bizarre Felsen, La Roche Tuilière (1288 m) und La Roche Sanadoire (1286 m), dazwischen erstreckte sich eine ehemalige Gletscherlandschaft.

 

      

  Orcival, Département Puy-de-Dôme (Auvergne)              Notre-Dame d'Orcival

 

Wir erreichten den Col de Guéry (1268m), es gehört zum Sancy-Massiv. Auf einer Aussichtsplattform hatten wir ein wunderbares Panorama auf die dominierenden Zwillingsfelsen.

 

Gut erkennbar, Kamin (Tuilière) und Kegel (Sanadoire) des ehemaligen Kraters, mitten hindurch das lang gezogene Tal aus der letzten Eiszeit mit dem Weiler „Le Bas Cros“. Wir machten eine Rast und verschnauften ein wenig, jetzt waren wir auf über 1200m und hatten einige Höhenmeter hinter uns gebracht. Ein Paradies für Wanderer und Radsportler – denn auch die Tour de France 2008 hatte bereits begonnen. Hin und wieder sahen wir einige Rennradfahrer, mit ihren bunten Trikots waren sie bekleidet wie Papageien und rauschten an uns vorbei.     

 

 

                                   Die Zwillingsfelsen Tuilière und Sanadoire

 

Nachdem wir den beliebten Ausflugsort mit seinen sensationellen Felsformationen verlassen haben, ging es über einen Waldpfad ein paar Meter steil bergab, hinunter zum malerischen Vulkansee Lac de Guéry (1245 m).

 

Ein bezaubernder kleiner Kratersee eingebettet in das Bergmassiv der Monts Dore. Die rechte Hälfte des Sees ist vom dichten Wald umgeben und die andere Seite mit Wildblumen bewachsener Uferrand. Ein kleiner Pfad führt etwas unterhalb der Straße am See entlang. Mit ihren grünen Berghängen strahlt die Umgebung zu dieser Jahreszeit ihren besonderen Charme aus.

 

      

        Blick auf den Rouchaube (1094m)                             Brotzeit in den Bergen

 

Wir mussten wieder auf die asphaltierte Passstraße (D983) um nach Le Mont Dore zu kommen. In südlicher Richtung den Gipfel des Puy de Sancy vor den Augen, erreichten wir nach einer kurvenreichen Bergwanderung auf der D996 den beschaulichen Wintersportort Le Mont Dore (1050m). Das Städtchen, das auch als Thermalkurort bekannt ist, liegt in einem breiten Tal der Dordogne, zu Füßen des „Puy de Sancy“ (1886m), die höchste Erhebung des französischen Zentralmassivs. Schon die Gallier und Römer nutzten die warmen Quellen mit ihrer heilenden Wirkung. Mit seinen fast 2000 Einwohnern bietet der Ort sowohl im Winter wie auch im Sommer eine Vielzahl an touristischen Angeboten.   

 

      

 Ein Pfad führt uns um den Vulkansee herum…                  Kratersee Lac de Guéry 

 

Es ist mittlerweile später Nachmittag und wir mussten noch unseren Proviant auffüllen, standardmäßig fehlte auch noch ein Fläschchen Wein für den Abend. Kurzerhand steuerten wir einen Supermarkt an und fanden alles Nötige. Bepackt wie ein Esel – Pilger wissen, was ich meine, entschieden wir uns weiter zu ziehen und nicht in der touristischen Ortschaft zu bleiben.

 

Der lange Aufstieg über den Pass „Col de la Croix Saint Robert“

 

Nachdem wir uns etwas gestärkt hatten, machten wir uns auf den Weg. Am südlichen Ortsausgang ging es wieder auf eine Passstraße, die D 36, sie führte uns stetig bergauf. In einer riesigen Schleife, erst nördlich, dann südlich und zum Ende in östlicher Richtung, ging es mühevoll hinauf zum Pass „Col de la Croix Saint Robert „ (1451 m). Es war eine gigantische Etappe, die wir uns da auferlegt hatten. Wir wollten den höchsten Punkt, solange es hell ist, erreichen. Desto höher wir kamen, umso schlechter wurde das Wetter. Regen und Wind peitschten uns um die Nase und bremsten zugleich unsere Freude. Erreichen wir noch den Gipfel? - fragten wir uns.

 

      

   Gebirgskette der Puys (Chaîne des Puys)             Pass „Col de la Croix Saint Robert“

 

Noch einmal mobilisierten wir unsere Kräfte und krochen weiter den lang gezogenen Pass hinauf. Auf dem Boden und am Straßenrand sahen wir einige Zeichen, Spuren der Tour de France, denn ganz in der Nähe fuhren 2 Tage zuvor die schnellsten Radfahrer der Welt ihre Bergetappen. Und wir, wir kämpften uns zu Fuß den Pass hinauf. Jetzt erst recht – riefen wir uns motiviert zu. Und tatsächlich erreichten wir in der Dämmerung den Pass. In der Dunkelheit im Licht der Taschenlampen bauten wir unser Nachtlager auf. Der Boden war sehr knorrig und steinig, mit Mühe und Not konnten wir die Zeltheringe verankern. Das Zelt flatterte auf der freien Fläche ohne Schutz dem Wind ausgesetzt, sofort legten wir uns hinein um ihm noch die nötige Stabilität zu geben. Nach einem kleinen Nachtrunk und der letzten Zigarette verschwanden wir ins Reich der Träume.    

 

Den Flusslauf der Couz Pavin entlang, bis zur Mündung nach Issoire

 

Gegen 7 Uhr am Morgen wurden wir wieder wach, das Wetter hatte sich nicht verändert. Wolkenbehangen peitschte der Wind noch immer über die Hochflächen. Wir packten das nasse Zelt ein und machten uns weiter auf den Weg. Keine Menschenseele war zu dieser Zeit unterwegs – nur zwei einsame Pilger schreiten mit Riesenschritten über die Bergkette. Nach dem gestrigen Aufstieg ging es heute, Gott sei Dank, nicht mehr steiler bergauf, sondern wir wanderten konstant auf einer Höhe um 1200m.

 

Hier auf dieser beschaulichen Höhe hatten wir eine herrliche Aussicht auf die einzigartige alpine Berglandschaft. Wir spürten die faszinierenden Naturkräfte, die dieses Land mit seinen Vulkanen geformt hatten. Wir blickten weit in die tiefer gelegenen saftigen grünen Täler mit dem Kratersee Lac Chambon. Kurvenreich ging es um die Berge, dabei durchquerten wir die Weiler Moneaux, Chalet Sainte-Anne, Courbanges, Le Verdier. Am Mittag erreichten wir den schönen Ort Besse-et-Saint-Anastaise. Das mittelalterliche Dorf liegt auf 1050m Höhe, mit seinen engen Gassen und seinen Renaissancebauten aus dem 15./16. Jahrhundert vermittelt es ein Stück Zeitgeschichte.

 

  

                      Uhrturm und die Kirche Saint-André (Besse-et-Saint-Anastaise)

 

Viele dieser Prachtbauten sind aus dem schwarzen Lava-Gestein der Umgebung erbaut. Königin Margot (Margarete von Frankreich) soll hier ein Haus bewohnt haben. Sehenswert die Altstadt mit Resten einer Stadtmauer und der „Beffroy“, ein Uhrturm. Auch die Besichtigung der ehemaligen Stiftskirche Saint-André, eine aus dem 12. Jahrhundert im romanischen-gotischen Stil gebaute Kirche, war für uns etwas Besonderes.

 

Weiter geht es über die Hochebene, wir überquerten den Fluss „La Couze Pavin“ und folgen seinem Verlauf stromabwärts. Er ist einer von den vielen Gebirgsflüssen, die in den Bergen des Sancy-Massiv ihre Quellen haben, er mündet bei Saurier in den Allier. Wie schon seit Tagen fasziniert uns die vulkanische Landschaft, die immer eine andere Sicht zu den Bergen und Tälern bietet. Mal ist sie sanft hügelig, an anderer Stelle karg, felsig, mit steilen Schluchten versehen.

 

Hin und wieder legten wir eine kurze Rast ein und erholten uns vom lang gezogenen Abstieg. Wir streiften oder durchquerten die kleinen Dörfer Lompras, Le Cheix und Cotteuges und konnten somit unseren Wasservorrat auffüllen. Das Wetter wurde im Laufe des Tages immer besser, es war recht warm und unser Durst dementsprechend größer. Vorbei ging es an Almbetrieben mit riesigen Weideflächen, auf ihnen grasten die typischen roten Rinder der Region.

 

    

         Blick ins Tal mit weiten Feldern…                Landschaft in der Nähe von Saurier…

 

Nach einer Weile erreichten wir das schöne Dorf Cotteuges. Mitten auf dem Dorfplatz befanden sich ein Waschhaus und eine große Tränke für das Vieh. Eine gute Gelegenheit um unsere letzte Pause einzulegen, bevor wir Saurier erreichen. Gewaltige Höhenmeter lagen hinter uns, es war ein langer Abstieg, der noch nicht beendet war. Auf der D26 wanderten wir noch etwas weiter bergab und suchten uns einen schönen Platz zum Übernachten.

 

Mit Blick über das Tal und seinem Flussbett fanden wir eine gute Stelle etwas oberhalb der Straße. Direkt neben einer Pferdekoppel verlief ein kleiner Pfad, hier bauten wir unser Nachtlager auf. Auf der Weide, eine Stute und ihr junges Fohlen, sie hielten sich noch ein wenig in unsere Nähe auf. Und nachdem die Sonne hinter den Bergen verschwand, legten wir uns nach einer anstrengenden Etappe zum Schlafen hin.

 

Das Dorf Saurier war nur noch 1 km entfernt, so hatten wir am den nächsten Morgen die Möglichkeit, den schönen Ort zu besichtigen und unseren Tagesproviant aufzufüllen. Es ist sehr wichtig, seinen Proviant für den langen Tag einzuplanen. Denn es kommt schon mal vor, dass man in kleinen Ortschaften keine Geschäfte vorfindet.   

 

Am Morgen lag uns Saurier (540m) zu Füssen, ein malerischer Ort mit einer kleinen mittelalterlichen Brücke über den Fluss „La Couze Pavin“. Mitten auf der schönen Brücke steht eine kleine Kapelle. Ein schönes Bergdorf mit den typischen Steinhäusern aus dem 15. Jahrhundert. Nach der Besichtigung der romanischen Kirche kauften wir noch einige Lebensmittel ein und tranken uns erstmal einen großen Kaffee. Im Anschluss machten wir uns weiter auf den Weg Richtung Issoire. Heute verlassen wir den Naturpark der Vulkane und erreichen wieder die Ebene, das Tal des Allier.

 

Immer wieder der freie Blick über die bewaldeten Schluchten und Täler von Courgoul. In der Ferne sahen wir den Felsen von Brionnet, ein aus Basaltstein geformter Fels, auf seiner Spitze eine kleine Kapelle. Wir folgten dem Fluss Couze Pavin und erreichten nach kurzer Zeit die Ortschaften Saint-Floret und Saint Vincent. Herrliche Dörfer mit wenigen Einwohnern, sie vermitteln mit ihren alten Burgruinen und den romanischen Kirchen die Zeiten der Kreuzritter. In den Kirchen fanden wir alte Wandmalereien (Fresken) aus dem 12. Jahrhundert vor. Jede Ortschaft besitzt ihre historische Vergangenheit mit lokalen Helden und Schutzheiligen.         

 

Wir sind nur noch 8 km von Issoire entfernt und über ein Plateau ging es weiter hinab in die tiefer gelegene Ebene. In Sichtweite, das weite Tal des uns vertrauten Flusses Allier. So langsam verlassen wir das großartige bergische Land, geformt aus Feuer und Eis. Der Naturpark mit seinen Vulkanen und der beeindruckenden Fauna und Flora lag jetzt hinter uns. Es war eine besondere Herausforderung, die massive Berglandschaft zu Fuß zu durchqueren. Belohnt wurden wir reichlich, zur Freude von Geist und Seele.

 

Jetzt ging es noch durch die kleine Ortschaft Perrier und nach wenigen Kilometern erreichten wir die Stadt Issoire. Die Stadt mit mediterranem Charakter liegt ca. 40km südlich von Clermont-Ferrand und wird liebevoll „Toskana Auvergne“ genannt. Ein zentraler wichtiger Knotenpunkt auf dem Weg nach Brioude. Jakobspilger, die aus nördlicher Richtung von Clermont-Ferrand oder aus westlicher Richtung von Ambert kommen, besuchten auch die schöne Stadt im Tal der Allier.

 

Bekannt ist Issoire auch durch die unzähligen Wallfahrten zum Grabe des hl. Austremoine, dem 1. Bischof der Auvergne. Die Kirche Saint Austremoine wurde Mitte des 12. Jahrhundert im romanischen Stil erbaut. Sehenswert das Chorgewölbe, getragen von sieben Bögen, mit buntbemalten Säulen und geschmückten Kapitellen in Chor und Querhaus. Die Ornamente mit kräftigen Farben verleihen ein orientalisches Aussehen. Unter dem Chor die Krypta, hier befindet sich die Grabstätte des Kirchenpatrons und seine Reliquien. 

 

      

                         Allier-Brücke                                           Saint-Ilpize et l'Allier

 

Wir fanden ein paar Minuten vom Stadtzentrum und der Altstadt entfernt den städtischen Campingplatz „Municipal du Mas“. Eine riesige, gepflegte Anlage mit Bäumen, direkt an der Wasserfläche eines kleinen Sees und den Ufern des Allier gelegen. Hier konnten wir uns von den anstrengenden Tagen durch die Berge ein wenig ausruhen und wieder richtig duschen. Auch unsere Kleidung konnte wieder eine Reinigung vertragen. Also machten wir uns an die Arbeit – waschen war angesagt. Man glaubt nicht, was für ein Schmutz aus Hosen und Socken heraus kommt, das Wasser verfärbte sich kräftig, Staub und Schweiß setzten sich in der Kleidung ab. Gott sei Dank hatte ich keine lange Hose mehr, ich hatte sie vor einiger Zeit abgeschnitten. So besaß ich nun zwei kurze Hosen und hatte weniger Stoff zum Waschen. Rüdiger wusch seine Sachen gleich neben mir, und ich sah wie er mit großer Mühe seine lange Hose bearbeitete. Wir lachten, auch das gehört zu einem Pilgerleben, es ist wichtig stets saubere Sachen am Körper zu tragen um sich vor Infektionen zu schützen.  

 

Nach dem Waschen und der ersehnten heißen Dusche, hatten wir reichlich Zeit uns auf die nächsten Etappen vorzubereiten. Nachdem wir 6 Tage durch den Naturpark der Vulkane marschiert sind, hatten wir uns auch etwas Abwechslung verdient. So beschlossen wir einige Tage dem südlichen Flusslauf des Allier zu folgen, um dann in Langeac den östlichen Weg nach Puy-en-Velay zu nehmen.

 

Hier beginnt dann die Via Podiensis, einer der vier historischen Jakobswege, der uns weiter durch das südliche Frankreich führt. Doch bis dahin sind es noch einige Tage.

 

Bücher zum Thema Jakobsweg »»»

 

Bernd Koldewey: "Aufbruch nach Santiago" - Band II: Von Vézelay bis nach Le Puy-en-Velay, Taschenbuch, Verlag: Books on Demand, Norderstedt, 1. Auflage, Februar 2011, 144 S., 18,90 € - Dieses Buch ist mit zahlreichen Farbabbildungen ausgestattet. ISBN 978-3-8423-1960-8 - Dieses Buch kann ab sofort über den Buchhandel oder über das Internet, beispielsweise bei Amazon.de bestellt werden.

 

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"Aufbruch nach Santiago"

- Band II -

Von Vézelay bis

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