Jakobsweg von Ormont bis nach Bollendorf

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Aufbruch nach Santiago: Von Ormont bis nach Bollendorf

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Buen Camino!

Auszug aus dem Buch „Aufbruch nach Santiago“ - Band I

„Ormont am Fuße der Schnee-Eifel“

Von Ormont bis nach Bollendorf

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

Jetzt hatte ich Nordrhein-Westfalen hinter mir gelassen, denn Ormont gehört zu Rheinland-Pfalz und liegt zu Füßen der Schneifel (Schnee-Eifel). Hinter mir liegen jetzt 250 Kilometer Fußmarsch durch Nordrhein-Westfalen.

 

Es ist schon ein schönes Gefühl so weit gekommen zu sein, vor einem Jahr hätte ich mir das noch nicht vorstellen können, so weit zu pilgern. Seit meiner letzten Begegnung mit Pilgerfreund Helmut im Bergischen Land, hatte ich bisher keine Jakobspilger mehr gesehen. Mag wohl daran liegen, dass es in diesem Jahr zum Frühlingsanfang noch recht kalt ist. Mittlerweile habe ich mich an das einsame Pilgern gewöhnt, eine echte Herausforderung. Hier in der Eifel kann man Stunden lang durch die Wälder und über die Höhen laufen, ohne eine Menschenseele zu treffen.

 

Goldberg Ormont

Richtung Schnee-Eifel...

 

Es kommt einem so vor, als sei die Zeit irgendwie stehen geblieben, die Landschaften, die man durchquert, könnten vor hunderten von Jahren genauso ausgesehen haben. Zu Fuß unterwegs sein hat den Vorteil, frei zu sein, keine negative Gedanken zu haben. Zum Nachdenken und Grübeln hat man keine Lust. Das physische Auge und das innere Auge nehmen plötzlich Dinge wahr, die ich so noch nicht kannte, eine besondere Wahrnehmung des Details. Man betrachtet seine Umwelt und die Natur mit ganz anderen Augen, man ist wachsamer mit Geist und Seele. Die Sinne werden gestärkt und man spürt wie der Körper sich verändert, nicht nur die Muskelkraft in den Beinen, sondern auch die innere Stärke formt sich. Ich glaube, dass diese Erkenntnis für einen Jakobspilger eine echte Chance ist, um sich selbst zu finden und mit den Zwängen und verborgenen Ängsten im Leben besser umgehen zu können.

 

Ormont ist eine kleine Gemeinde, etwa 500 Einwohner hat sie, liegt in der Vulkaneifel. Der Name leitet sich ab vom französischen ‘or’ (=Gold). Hier liegt der Goldberg, in der Eifel die westlichste Erhebung vulkanischen Ursprungs. In dem hier abgebauten Tuff sind Kristalle von goldgelbem Biotit eingelagert. Daher also der Name eines Ortes, der zu Goldgräberträumen verführen könnte. Im Gasthaus „Bei Lonnen“ fand ich eine gute Übernachtungsmöglichkeit. Direkt vor dem Haus stand eine große Informationstafel zum weiteren Verlauf des Jakobswegs nach Trier.

 

Richtung Ormont...

 Gasthaus „Bei Lonnen“

 

Am Palmsonntag, den 1. April 2007, machte ich mich in der Frühe wieder auf dem Weg. Bei strahlendem Sonnenschein geht es heute über die Schneifel (Höhenzug in der Schnee-Eifel). Jedoch nicht alleine, eine hübsche Colliedame begleitet mich seit einiger Zeit. Sie kam wohl auch aus Ormont. Ich suchte nach etwas Essbarem für sie und fand im Rucksack noch einen Apfel. Mit gebeugtem Kopf, etwas vorsichtig, kam die Lady langsam angeschlichen, sie schien etwas schüchtern zu sein. Doch als sie sah, dass ich ein harmloser Wandersgeselle bin, nahm sie auch den Apfel an. Am liebsten hätte ich die Colliedame mitgenommen, doch nach einer Weile der Begleitung, einige Kilometer von Ormont entfernt, war mir das nicht mehr geheuer, an der nächsten Landstraße hielt ich kurzerhand ein Auto an, das in Richtung Ormont fuhr. Der Fahrer versprach mir die Hündin zurückzubringen. Wie selbstverständlich sprang sie ins Auto und sie verschwanden.

 

Waldpfad hinter Ormont

Eine Colliehündin begleitete mich eine Weile.

 

In der waldreichen Umgebung der Vulkaneifel findet man gut ausgebaute Wanderwege. Der Höhenzug führte mich „Zum Schwarzen Mann“, mit 697 m ü. NN die höchste Erhebung der Schneifel. Hier gibt es zahlreiche Hochmoore, auch Venn genannt.

 

Hochmoor in der Schnee-Eifel

Riesige Baumwurzel am Pilgerweg

 

Mein heutiges Etappen-Ziel ist Prüm in der Westeifel. Auch hier in den Wäldern sieht man immer wieder die Verwüstungen, die der Orkan Kyrill angerichtet hatte. Weit verbreitet der Zunderpilz oder auch Zunderschwamm (Fomes fomentarius). Er befällt als Parasit alte, kranke oder umgestürzte und abgestorbene Bäume. Tief im Wald fand ich eine einsame Waldhütte, hier konnte ich eine ausgiebige Rast einlegen und mich von dem Waldrauschen inspirieren lassen. Nach ca. 15 km über den Höhenrücken ging es endlich wieder bergab ins Mehlenbachtal nach Gondenbrett und weiter nach Prüm.

 

Schutzhütte im Wald

Gondenbrett, Pfarrkirche St. Dionysius

 

In Gondenbrett besuchte ich die St. Dionysius Kirche. Die Kirche liegt am westlichen Hang des Münsterberges. Die Pfarrkirche St. Dionysius steht unter Denkmalschutz. Hauptpatron der Pfarrkirche ist der Heilige Dionysius (frz. Saint Denis). Über den Kalvarienberg ging es bergab nach Prüm. Doch vorher besuchte ich die Aussichtsplattform und die Kreuzkapelle Kalvarienberg, eine Gedenkstätte, die an die Opfer der Katastrophe von 1949 erinnert. Als 1949 im Stollensystem des Berges ein Munitionsdepot durch einen Brand explodierte, wurden 30% der Stadt Prüm zerstört. 500t Munition rissen einen riesigen Krater von 190 m Länge und 90 m Breite in den Berg. Es gab ein Dutzend Tote und viele Verletzte sowie zerstörte Häuser.

 

In Prüm angekommen suchte ich gleich das Jugendgästehaus (JH) auf und bekam sofort ein Zimmer. Nach der notwendigen körperlichen Pflege und dem anschließenden Waschen meiner Sachen machte ich mich auf zur Stadtbesichtigung und besuchte die barocke Basilika St. Salvator. Auf dem Platz vor der Basilika begrüßte mich eine Jakobsfigur.

 

Gedenkstätte Kalvarienberg - Pilgerstation Prüm - Jakobus-Pilgerfigur

 

Beim Eintritt in die Basilika stach gleich der barocke Hochaltar ins Auge. Der Chorraum wird auf beiden Seiten vom Chorgestühl und nach Westen hin von einer barocken Kommunionbank begrenzt. Auf der rechten Seite sah man einen Seitenaltar, der um 1770 errichtet wurde. Er ist dem hl. Josef geweiht, er stammt aus der Klosterkirche von St. Martin in Trier. Und der linke Seitenaltar, um 1715, ein barocker Marienaltar, kam nach 1945 aus der Schlosskapelle aus Malberg bei Bitburg nach Prüm. Im Inneren der Wallfahrtskirche Sankt Salvator befinden sich auch der Reliquienschrein mit Teilen der Sandalen Christi sowie das Grab Kaiser Lothars I, der Sohn Ludwigs des Frommen und Enkel Karls des Großen.

 

Die Eifelstadt Prüm ist bekannt durch das Benediktiner Kloster und die St. Salvator-Basilika. 721 wurde die Abtei Prüm von Bertrada der Älteren gegründet und brachte in der Klosterschule viele adlige Persönlichkeiten hervor. Im Hospital, ein Armenhospital, wurden viele Pilger, Arme und Hilfsbedürftige versorgt und beherbergt. Kurz vor Ostern war die Stadt reichlich geschmückt und es fand ein reges Treiben in der Stadt statt.

 

Durch die bizarre „Schönecker Schweiz“

Bachtal in der „Schönecker Schweiz“

 

Von Prüm geht es hinauf zur Prümer Kalkmulde, der südlichsten von insgesamt acht in Nord-Süd-Richtung gestaffelten Eifeler Kalkmulden (Dolomit= bräunlicher magnesiumhaltiger Kalkstein). Vor knapp 400 Millionen Jahren war die Eifel kein Mittelgebirge, es war dort ein Meer. Hier hätte man höchstens schwimmen, nicht aber pilgern können. Südöstlich von Rommersheim führt der Weg durch die landschaftlich reizvolle "Schönecker Schweiz" mit ihren bizarren Kalksteinfelsen.

 

Der Jakobsweg führte mich vorbei an kristallklaren Bächen und grünen Tälern mit ihren hoch aufragenden Dolomitfelsen, nach Schönecken. In der Ortschaft angekommen stand ich vor dem Alten Amtshaus, heute ist es der kulturelle Mittelpunkt der Stadt. Hoch über dem Ort thront die gleichnamige alte Burgruine Schönecken. Weiter geht’s für mich Richtung Nimsreuland über den Fluss Nims in das Tal des Heisdorfers Bachs und hinauf nach Lascheid. Hier oben wurde ich belohnt durch die eindrucksvolle Aussicht weit in die Südeifel hinein.

 

Mariensäule (Waxweiler) - Waxweiler - Pfarrkirche „St. Johannes der Täufer“

 

Unterhalb des Eichelberges (494 m) steht die Mariensäule, die 1948 aus rotem Sandstein errichtet wurde. Maria hält schützend die Hände über den Ort Waxweiler und das Prümtal. Ein alter Grenzstein aus dem Jahr 1610, der früher die Grenze zwischen der Herrschaft Neuerburg und dem Erzbistum Trier kennzeichnete, steht am Wegesrand. Ein steiler Fußpfad geht hinab nach Waxweiler.

 

Der kleine Luftkurort Waxweiler im Prümtal liegt 345 Meter über dem Meeresspiegel. Völlig geschafft von der Tagesetappe und den reichlichen Höhenmetern fand ich auch schnell ein Gasthaus, wo auch Zimmer vermietet wurden. Ich ruhte mich dort erst einmal aus.

 

Am nächsten Morgen besuchte ich noch die kath. Pfarrkirche „St. Johannes der Täufer“, die im Ortszentrum steht, hier soll einst nach einer Legende nach der hl. Willibrord, der auf einer Missionsreise war, gepredigt haben. Noch ein wenig Proviant besorgen und auf geht’s nach Neuerburg – diesmal eine kurze Etappe von 16 km durch den Deutsch-Luxemburgischen Naturpark in die Südeifel. Von Waxweiler ging es über Krautscheid und Plascheid auf Wald- und Feldwegen auf 500 m Höhe. Oben angekommen hatte man eine hervorragende Sicht über die Hochflächen des Islek, weiter an kleinen Weilern und landwirtschaftlichen Ortschaften vorbei ins Enztal nach Neuerburg. Neuerburg liegt im Deutsch-Luxemburgischen Naturpark. Das romantische Eifelstädtchen ist ein anerkannter Luftkurort und liegt im Talkessel des kleinen naturbelassenen Enzbaches.

 

Burgruine Neuerburg - Pilgerankunft in Neuerburg - Burgtor Neuerburg

 

Ritterromantik in Neuerburg und weiter durch die Südeifel

 

In Neuerburg angekommen sah ich schon die mächtige Burganlage, in der heute eine Jugendherberge betrieben wird. Unten in der Stadt suchte ich mir zuerst ein gemütliches Gasthaus aus und trank ein Pilgerbier, bevor ich durch eine romantische Gasse den steilen Aufstieg (Treppen) nahm.

 

Nun stand ich vor dem mächtigen Burgtor und ging ins Innere, auf dem Hof fand ich die Leiterin der Herberge im mittelalterlichen Look. Zu meiner Freude hatte sie noch genügend Zimmer frei, ich bekam eins neben der Burgruine und hatte einen separaten Eingang und war ganz für mich alleine. Ein schönes kleines Zimmer mit Aussicht auf die herrliche Umgebung. Von der Burganlage genießt man einen schönen Blick über das Enztal.

 

Im 9. Jahrhundert diente sie schon als Fluchtburg, dort fanden Prümer-Mönche Schutz vor den Normannen. Sie ist die größte noch erhaltene Burganlage des Kreises Bitburg-Prüm. Im 12. und 13. Jahrhundert war sie Sitz des Neuerburger Geschlechts. Seit 1930 wird sie vom Jugendbund „Neudeutschland“ genutzt.

 

Neuerburg im Tal der Enz

Kreuzkapelle in Neuerburg

 

Nachdem ich mich etwas ausgeruht habe und meine täglichen Tagebucheinträge gemacht hatte, ging ich hinunter in die Ortschaft und schaute mir das kleine Städtchen an. Von der Burganlage Neuerburg die Burgstraße hinunter sieht man das Pfarrhaus mit seinem mächtigen Turm. Und über einen Treppenpfad ging es hinunter zur St. Nikolaus Kirche mit Glockenturm, früher Torturm. Unten in der Stadt an der Enz, sieht man auch wieder Skulpturen des Brückenheiligen „Johannes Nepomuk“. Neuerburg bietet seinen Gästen eine Vielzahl an Freizeitmöglichkeiten. Am späten Abend ging es wieder bergauf zur Burg und auf meinem Zimmer bereitete ich meine nächste Tagesetappe nach Bollendorf vor.

 

Gut ausgeruht und gut gelaunt ging es am Morgen nochmals in die Ortschaft hinunter, um in den östlich von Neuerburg gelegen Wald zu kommen, dort führt mich ein Weg am Hang entlang zum Kreuzweg, hinauf zur Kreuzkapelle, die im barocken Stil erbaute Kapelle stammt aus dem 17. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert stand an dieser Stelle ein kleines Bethaus mit einem Steinkreuz.

 

Fraubillenkreuz (Ferschweiler Plateau)

Felsenlandschaft in der Teufelsschlucht

 

Über den Höhenzug des Islek und die sanften Hügellandschaften des Bitburger Gutlandes geht der Jakobsweg durch den Naturpark Südeifel. Durchquert wurden die Ortschaften Niederraden, Sinspelt, Mettendorf und Nusbaum. Weiter durch die reizvolle Naturlandschaft des Ferschweiler Plateaus.

 

Dort liegt die sogenannte Wikingerburg. Dieser Wehrbau, der aus Holzstämmen, Steinen und Sand bzw. Erde bestand, könnte in der Art einer „keltischen Mauer“ gebaut worden sein. Bei der Wikingerburg sah man auch einige Hügelgräber. Unter den sichtbaren Steinaufhäufungen befinden sich ein älterer verbrannter Wallkörper, den Funden nach aus der Bronzezeit (12./11. Jh. v. Chr). Dann mitten im Wald ein großes steinernes Kreuz aus der Jungsteinzeit. Das Fraubillenkreuz - ein Menhire wurde hier zu kultischen Zwecken aufgestellt. In frühchristlicher Zeit wurde dieser Stein, der Sage nach vom heiligen Willibrord, zu einem Kreuz umgearbeitet.

 

Flusslandschaft in der Südeifel

Richtung Bollendorf

 

Eindrucksvoll bahnen sich die wilden Bäche ihren Weg durch eine bezaubernde, bizarre Felslandschaft in der Südeifel. Eine beeindruckende Wanderung, die ein Pilgerherz höher schlagen lässt – man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Bergab ging es über die Wolfsschlucht bis nach Bollendorf ins romantische Tal der Sauer. Die Stadt wurde erstmals im Jahre 716 urkundlich als „villa bollana“ erwähnt. Direkt an der Sauer fand ich eine preiswerte Privatunterkunft und blieb über Nacht.

 

 

Bernd Koldewey: "Aufbruch nach Santiago" - Band I: Von Herne bis nach Vézelay, Taschenbuch, Verlag: Books on Demand, Norderstedt, 1. Auflage, Januar 2011, 172 S., 27,90 € - Dieses Buch ist mit zahlreichen Farbabbildungen ausgestattet. ISBN 978-3-8423-4862-2 - Dieses Buch kann ab sofort über den Buchhandel oder über das Internet, beispielsweise bei Amazon.de bestellt werden.

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