Tränen der Angst und der Freude

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Tränen der Angst und der Freude

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Buen Camino!

Gedanken eines Pilgers:

Tränen der Angst und der Freude

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

Waren es Tränen der Angst und Sorgen, die mich des Öfteren auf den Jakobsweg begleitet hatten, oder waren es Tränen der Sehnsucht und Liebe gewesen, die mich mit meinem Unterwegssein verbanden? Fragen über Fragen, die mich auch noch im Nachhinein in Verbindung mit meiner einzigartigen Pilgerschaft nach Santiago de Compostela beschäftigen.

 

Oft hatte ich auf meiner langen Pilgerreise ins entfernte Galicien, auf dem langen Weg nach Santiago de Compostela, Tränen der Angst und Freude in den Augen. Bestimmte Gefühle von Emotionen der Resignation und des Glücks. So manches Mal verstimmten tiefe Demut und Traurigkeit meine Reiselust. Ein merkwürdiges Gefühl von Hilflosigkeit und Einsamkeit. Es übermannte mich förmlich und ich gab dem nach, ich war alleine, keine Menschenseele weit und breit, nur meine Gedankenwelt und ich. In dieser angeblichen Hoffnungslosigkeit steckte ich damals, was war passiert? Wie komme ich da wieder raus?

 

Tränen der Angst

 

Ich lag grübelnd im Gras vor dem Zelt und seufzte vor mich hin. Tagsüber war ich noch guter Dinge, alles stimmte und schien in Ordnung zu sein, das Wetter, die Menschen, die Natur und die Landschaft, alles war perfekt. Doch in der herannahenden Dämmerung, in der Zeit der werdenden Dunkelheit, in der selbst die Vögel schweigen, da versagte mein Mut und auch die Euphorie legte sich bei mir, ich wurde immer stiller. Am farbenprächtigen Horizont zog sich der Abendhimmel langsam zu und der warme Sommerwind trocknete meine bitteren Tränen, die mir noch langsam an meinen Wangen herunter liefen.

 

Es war ein seltsames Gefühl, ein wenig so, wie ein Kind verspüren mag, das seine Eltern vermisst. Doch ich hatte ja mittlerweile die 50 überschritten, also vom Kindsein weit entfernt. Trotz meines Unbehagens und der Trübsal ließ ich meinen Gedanken freien Lauf, ich ergründete meinen Seelenfluss von Gemütsschwankungen und der einsamen Stille, die mich plötzlich umgab. Niedergeschlagen in der Ruhephase meiner Pilgerschaft ließen die traurigen Gedanken von mir nicht ab. Was war die Ursache? War es die Angst vor dem Alleinsein und der Einsamkeit?

 

Über 2000 Kilometer trennen mich nun schon von meiner Heimat, unzählige Male hatte ich bereits in der freien Natur übernachtet und war oft alleine. Solche Gefühlsschwankungen hatte ich nicht immer, jedoch hin und wieder setzten sich die Angst und die Hilflosigkeit durch. Ein Leidensweg, den ich als Pilger, der oft auch alleine unterwegs war, besonders verspürte. Zu zweit tauscht man sich aus, man unterstützt sich gegenseitig und lässt die stille Einsamkeit nicht zu. Doch alleine sieht das ganz anders aus, man fühlt die momentane Situation auf sich zukommen und ist auf sich gestellt. Man weicht diesem Gefühl nicht aus und man kann es auch wahrscheinlich nicht. Einige Male ist mir das schon passiert und jedes Mal war ich völlig durch den Wind und fix und fertig, ich dachte nur noch an mein Zuhause. Ich hatte Heimweh und wünschte mir in diesem Augenblick bei meinen Liebsten zu sein.

 

Wie in einem Traum sah ich alle plötzlich visuell vor mir, meine Frau und unser Kätzchen, ja die ganze Familie. Ich war geschockt von meiner traurigen Vorstellung und umso mehr ich daran dachte, umso lebhafter wurde diese Fantasie. Spätestens jetzt wurde mir bewusst, wie sehr ich meine Familie vermisste. Trotz der Einsamkeit ist man nie alleine, die Familie ist immer in Gedanken dabei. Als ich das begriffen hatte, konnte ich meinen Tränen etwas abgewinnen, die wahre Freude darüber, nicht alleine zu sein.

 

 

Tränen der Freude

 

Die Tränen der Freude können ähnliche Ursachen und Reaktionen haben wie die der Trauer und der Angst, plötzlich wie aus dem Nichts schießen einem die Tränen ins Gesicht, es sind Freudentränen oder Tränen der Erinnerung. Ausgelöst durch persönliche Erlebnisse, Wehmut, Rührungen und Sehnsüchte können dann solche Reaktionen sein. Menschliche Impulse, mit denen wir unsere Betroffenheit und unsere Anteilnahme zum Ausdruck bringen. Tränen lügen nicht, sie sind menschlich und helfen uns, einen Ausgleich zu bekommen, mit verschiedenen Lebenssituationen fertig zu werden. Wer kennt nicht das Gefühl, himmelhoch jauchzend und voller Freude zu sein, ein Glücksgefühl, das verbindet.

 

Auf dem Jakobsweg hatte ich viele dieser menschlichen „Emotionen der Freude und des Leids“ und oft hatte ich dabei Tränen in den Augen. Ausgelöst durch Begegnungen mit Menschen, die mir nahe standen und denen ich unterwegs begegnet bin. Es waren für mich Begegnungen, die prägend waren. Am Cruz de Ferro (dt.: Eisenkreuz), auf einem Pass in den Montes de León, traf ich Pilger, die ähnlich gefühlt hatten. Hier legten viele Pilger einen aus der Heimat mitgebrachten Stein unter einem Kreuz nieder, dieser symbolisiert, dass man hier etwas aus seinem Leben zurück lässt. Ein mystischer Ort, der von Pilgern seit vielen Jahren gepflegt wird. Ein Ort der Emotionen, Trauer und Freude, alles liegt ganz eng beieinander. Man ist ergriffen und zugleich erleichtert. Spätestens hier hinterlässt man die mitgebrachte Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Trauer eines schweren Lebensabschnitts, mit den Tränen spült man die mitgebrachte Last weg und ist sichtlich erleichtert.

 

 

Es sind nur einige Beispiele von vielen Ereignissen, die ich auf meiner langen Pilgerreise erlebt hatte. Tränen können helfen mit Emotionen besser umzugehen und daraus Hoffnung zu schöpfen. Es sind innerliche menschliche Sehnsüchte und Wünsche, die aus dem Herzen kommen. Man fühlt sich seinen Mitmenschen verbunden und kann stolz und dankbar sein, solche Emotionen zu zeigen.

 

„Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“ (Psalm 126).

 

Buen Camino!

 

Herne, Oktober 2013

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