Von Chaumont bis nach Vézelay

Via-Jakobsweg

Impressionen, Reisereportagen, Fotokunst, Videos und Bücher zum Thema Jakobsweg…

Von Chaumont bis nach Vézelay

Diese Webseite wurde für mobile Handys, iPhones, Smartphones und Tablets optimiert.

Buen Camino!

Auszug aus dem Buch

Aufbruch nach Santiago - Band I

Von Chaumont bis nach Vézelay

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

So machte ich mich am 13. Mai 2008 wieder auf den Weg nach Chaumont, dieses Mal auch mit einem Zelt, das auch jeder Witterung standhält. Ein kleines finanzielles Polster konnte ich mir ansparen und so zog es mich wieder nach Frankreich zu meinen Ausgangspunkt nach „Chaumont“ in der Champagne. Von hier wollte ich meine große Pilgerreise bis zum Grab des Apostels St. Jakobus nach Santiago de Compostela fortsetzen.

 

Aus Gründen der Unabhängigkeit und auch um Kosten zu sparen wird in der freien Natur übernachtet, gelegentlich auch auf Campingplätzen. Doch zuvor musste ich durch Frankreich die „Grand Nation“ pilgern. Ein Land, das mir sehr am Herzen liegt, nicht nur wegen der guten Weine. Sondern besonders die Natur, die mich immer wieder beeindruckte und die Menschen, denen ich dort begegnete. In Chaumont angekommen ging es gleich nach „Saint Roch“ ins Tal der Suize, hier befand sich auch der Campingplatz. Jetzt im Mai gab es auch keine Probleme mehr im Freien zu übernachten, das Wetter war hervorragend. Mein neues Zelt bot mir ausreichend Platz und auch mein Rucksack passte hinein. Alles war perfekt und so machte ich mich am nächsten Morgen auf, um meine Jakobsreise fortzusetzen.

 

Rathaus von Chaumont

Basilika St-Jean-Baptiste, Chaumont

 

Ich verließ das schöne Tal und überquerte die Nationalstraße 67. Bis nach Villiers-le-Sec ging es über Feldwege mit leuchtend gelben Rapsfeldern, die in der Sonne strahlten. In der Pfarrkirche, im Eingangsbereich begrüßte mich der hl. Rochus, ein wunderschönes Steinrelief. Von dort ging es weiter durch die Region der Champagne-Ardenne bis nach nach Bricon und nach Châteauvillain, zwei kleine ländliche Dörfer, die ich durchquerte. Hier hatte ich auch die Möglichkeit in einem kleinen Laden meinen Proviant zu kaufen. Mit Käse, Baguette und Tomaten hatte ich meine Versorgung für den heutigen Tag gesichert. Übernachtet hatte ich auf einen Feld mit unverbautem Blick auf die untergehende Sonne. An das wilde Campen musste ich mich noch gewöhnen, ein bisschen unbehaglich war das schon. Nachts sah alles geheimnisvoll aus und die Geräusche waren für mich völlig unbekannt. Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht, auch für mich wurde es langsam Zeit die Augen und Ohren zu schließen, Morgen ist auch noch ein Tag, mal schauen wo ich da übernachten werde.

 

„Saint Roch“ im Tal der Suize

Rapsfelder bei Villiers-le-Sec

 

Alles ist gut gegangen und ich hatte hier eine angenehme Nacht verbringen können, kein Mensch und keine gefährlichen Wildtiere hatten mich gestört. Na ja, Bären und Wölfe gab es hier ja wohl nicht? So machte ich mich unbeschadet auf den Weg nach Essoyes, eine bekannte Pilgerstation am offiziellen Jakobsweg. Denn ich befand mich doch ein bisschen abseits der offiziellen Route, so ging es mehr oder weniger über kleine Landstraßen nach Derville, Dinteville, Lanty-sur-Aube, Cunfin, Verpilliéres-sue-Ource und schließlich nach Essoyes.

 

Ich durchquerte im Laufe der Etappe wunderschöne urige Dörfer, besuchte Kirchen und kleine Kapellen, betrachtete die Landschaft und Schlösser, an denen ich vorbei kam, wie das Wasserschloss kurz vor Dinteville (Château de Dinteville). Ich befinde mich im Département Haute-Marne in der Region Champagne-Ardenne, nicht weit entfernt von der Grenze zum Burgund (Bourgogne). Doch zuvor geht es ins malerische Ort Essoyer, da wo der bekannte französische Maler Pierre-Auguste Renoir, lange Zeit lebte.

 

Übernachten in Gottes freier Natur…

Château de Dinteville

 

Das malerische Essoyes

 

Die malerische kleine Ortschaft Essoyes liegt 50 Km südlich von Troyes, am Fluss Ource, ein Nebenfluss der Seine. Am zentralen Platz an der Brücke, die über den Fluss Ource führt, befinden sich noch alte typische Fachwerkhäuser der Region. Der Maler Pierre-Auguste Renoir besuchte die schöne Ortschaft 1885 das erste Mal. Er war fasziniert von den Menschen und der Landschaft, so fand er viele Motive, die er mit seiner Malkunst in Gemälden ausdrücken konnte. In der Gemeinde sah ich Großplakate mit Gemäldemotiven des bekannten Künstlers Renoir.

 

Essoyes am Ufer der Ource

Renoir wirkte in Essoyes…

 

Renoir fand auch in Essoyes seine große Liebe, seine spätere Ehefrau Aline Charigot. Er erwarb 1895 ein Haus in der Heimat seiner Gemahlin und verbrachte dort jedes Jahr mehrere Monate. Beide fanden in Essoyes ihre letzte Ruhestätte, auf dem Cimetière d’Essoyes. In der Nähe besuchte ich noch sein Atelier, es kann fast täglich besichtigt werden.

 

Nun konnte ich auch wieder die gelb-roten Wegmarkierungen des Jakobswegs ausmachen, die mich über Felder und durch Wälder führten. Hinter Courteron überquerte ich die Seine, sie fließt Richtung Paris. Bald hatte ich Les Riceys erreicht, in der nahen Umgebung immer wieder Weinberge, wo auch die bekannteste Rebsorte, die „Pinot Noir“ angepflanzt wurde, an steilen Hängen reift sie in der Sonne Frankreichs.

 

Felder bei Courteron

Les Riceys

 

Hier in dem Grenzgebiet zur Champagne/Bourgogne ging es meistens über weiche hügelige Weinberge der Champagne, ich durchstreife kleine bezaubernde Weindörfer, wie Bragelogne-Beauvoir, Villier-le-Bois, Etourvy und Mélisey, die Grenze zur Bourgogne/Burgund. Mit dem Zelt gute Übernachtungsplätze zu finden ist hier absolut kein Problem. Die Weinbauer, die mich sahen, grüßten freundlich und schmunzelten sich einen in den Bart, vermutlich für meinen Mut. Ich war guter Dinge und genehmigte mir einen kräftigen Schluck des vorzüglichen Landweins, natürlich aus der Champagne.

 

Hügel- und Berglandschaft in Burgund

 

Hier im nördlichen Burgund (französisch Bourgogne), etwa 200 km südlich von Paris, verbindet der Weg die Pilger aus Holland und Belgien nach Südfrankreich. Die Region ist genau wie die Champagne-Ardenne bekannt für ihre guten Weine. In Zentrum Frankreichs reifen sie bei besten Bedingungen. Bergauf und bergab führte mich der Jakobsweg über Weinberge mit edlen roten und weißen Rebsorten durch eine bezaubernde Landschaft. Durch die kleine Ortschaft Mélisey ging es nun in Richtung Tonnerre. Der Jakobsweg führte zwar weiter über Chablis nach Auxerre, doch ich entschied mich über Tonnerre und Nitry nach Vezelay zu pilgern.

 

Hochfläche in der Champagne

Wolkenformation

 

Tonnerre liegt oberhalb des Flusses Armançon wie eine Festung und wurde zur Zeit der Römer "TORNODURUM" genannt. Aber auch Kelten und Gallier haben hier ihre Spuren hinterlassen.

 

In Tonnerre angekommen lernte ich den Pilger Luc aus Belgien kennen, er zeichnete gerade die romanische Kirche Saint-Pierre ab, die hoch oben in der Altstadt thront. Luc aus Leuven, half mir bei Suche eine Unterkunft zu finden. Im historischen Hôpital Notre-Dame des Fontenilles bekam ich sie. Margarete von Burgund gründete das Hospiz 1293 für Kranke und Arme, es diente später als Vorbild für das Hôtel-Dieu in Beaune. Heute gehört es zu den ältesten Hospitalbauten Frankreichs.

 

Hôtel-Dieu in Tonnerre

Bescheidene Pilgerunterkunft

 

Hier war ich gut aufgehoben, gemeinsam mit Luc erkundete ich am späten Nachmittag den historischen Ortskern. Luc war nach langer Zeit der erste Pilger, den ich traf, er war bereits schon in Santiago angekommen und befand sich jetzt auf dem Rückweg nach Belgien. Er ist schon sehr lange unterwegs auf seiner Reise durch Europa und hatte viele Erfahrungen sammeln können, die er mir zuteil werden ließ. Er sagte zu mir: „Akzeptiere den Weg so wie er ist - und öffne Dich diesem Weg, so wird Jakobus seine Hand über deinen Kopf legen und dich schützen“.

 

An den Ufern des Armançon...

Tonnerre mit Kirche Saint-Pierre

 

An diese beruhigenden Worte erinnerte ich mich immer wieder auf meinem langen Weg nach Santiago und war dankbar, sie von einem erfahrenen Jakobspilger zu hören. Am nächsten Tag ging es gut ausgeruht weiter, über kleine Ortschaften und Weiler ging es über Sainte-Vertu, Nitry, Joux-la-Ville, Précy-le-Sec, Voutenay-sur-Care, Sermizelles, Givry nach Vézelay. Landschaftliche reizvolle Erlebnisse, durch Felder, Wälder und Weinberge, so sah man die unterschiedlichste Vegetation in freier Natur. Jedes Verweilen mit Blick auf diese Region war etwas Besonderes. Ich fühlte mich wie ein Entdecker auf Spurensuche nach Unentdecktem.

 

Mittelalterliche Brücke in Sermizelles

Sermizelles

 

Über Givry ging es weiter über Asquins nach Vézelay. Die letzte Orschaft vor dem Wallfahrtsort Vézelay, hatte im Mittelalter große Bedeutung, hier trafen sich die Pilger aus Nordeuropa und gingen gemeinsam zur Basilika Sainte Marie-Madaleine. Von Weitem sah ich sie thronen, die sagenumwobene Basilika – jetzt stand ich vor ihr und sie zog mich magisch in ihren Bann.

 

Pilgerweg Richtung Vézelay

Vézelay mit Basilika

 

„Heiliger Hügel und die Basilika von Vézelay“

 

Der schöne Ort Vézelay in Burgund, gehört neben Santiago de Compostela und Rom zu den bedeutendsten und berühmtesten Wallfahrtsheiligtümern des Abendlandes. Hier trafen sich im 12. Jahrhundert der französische König Philipp II. und Richard Löwenherz zum Kreuzzug, hier verfluchte Thomas Becket den englischen König, Franz von Assisi gründete hier die erste Niederlassung in Frankreich. Und Vézelay war und ist auch wieder Zentrum der Magdalenen-Verehrung.

 

Altstadt Vézelay

Basilika Sainte-Marie-Madeleine

 

Die Basilika Sainte-Marie-Madeleine ist einer der schönsten Sakralbauten der Romanik des 12. Jahrhunderts. Was Maria Magdalena betrifft, herrscht immer noch die weit verbreitete Vorstellung von der reuigen Sünderin und bekehrten Prostituierten. Diese Auffassung geht auf Papst Gregor den I. zurück, der sie irrtümlich mit der Frau identifizierte, die Jesus die Füße gewaschen hat. In Wirklichkeit war sie wohl eher der 13. Apostel und laut Philippusevangelium liebte Jesus Maria Magdalena mehr als alle anderen Jünger.

 

Ein großes Etappenziel hab ich mit Vézelay erreicht und beschloss nicht die offizielle Route über Nevers/Limoges zu pilgern, sondern ich wollte durch den Morvan wandern.

 

Bernd Koldewey: "Aufbruch nach Santiago" - Band I: Von Herne bis nach Vézelay, Taschenbuch, Verlag: Books on Demand, Norderstedt, 1. Auflage, Januar 2011, 172 S., 27,90 € - Dieses Buch ist mit zahlreichen Farbabbildungen ausgestattet. ISBN 978-3-8423-4862-2 - Dieses Buch kann ab sofort über den Buchhandel oder über das Internet, beispielsweise bei Amazon.de bestellt werden.

Seitenanfang

Deutschland Frankreich SpanienGalerieVideos Bücher Kontakt DatenschutzImpressum Home

© 2008-2015 Bernd Koldewey & via-jakobsweg.de

Zurück zur Rubrik Frankreich
Aufbruch nach Santiago: Von Herne bis nach Vézelay